Wiener-2001

Stafford Beer weiterdenken – Rückblick auf das Jubiläums-Symposium in Stuttgart

Von Management-Kybernetik und Viabilität bis zu KI, hybriden Organisationen und gesellschaftlicher Resilienz

Wie aktuell ist Stafford Beer einhundert Jahre nach seiner Geburt? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Jubiläums-Symposiums „100 Jahre Stafford Beer – Gestaltung, Governance und Dynamik in komplexen Organisationen“, das die Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialkybernetik (GWS) e.V. gemeinsam mit der Universität Stuttgart am 24. September 2026 veranstaltete.

Rund 20 Teilnehmende aus Wissenschaft und Praxis kamen zusammen, um Beers Werk nicht nur historisch zu würdigen, sondern danach zu fragen, was seine Management-Kybernetik heute für die Gestaltung von Organisationen leisten kann. Drei Keynotes und vier Kurzimpulse spannten einen weiten Bogen: von persönlichen Erinnerungen an Stafford Beer über drei Jahrzehnte praktischer Arbeit mit dem Viable System Model (VSM) bis hin zu neuen Fragestellungen rund um Künstliche Intelligenz und hybride Managementsysteme.

Gerade der überschaubare Kreis erwies sich dabei als Stärke. Die Diskussionen beschränkten sich nicht auf die vorgesehenen Programmpunkte. Bereits in den Pausen entstanden intensive Gespräche zwischen Referierenden und Teilnehmenden; am Nachmittag mündete dies in eine offene gemeinsame Abschlussdiskussion, an der sich praktisch alle Beteiligten einbrachten.

Stafford Beer als lebendige Tradition

Den Auftakt machte Prof. em. Dr. Markus Schwaninger mit einer biografischen und fachlichen Einordnung Stafford Beers. Besonders eindrücklich war dabei die persönliche Perspektive: Schwaninger konnte aus eigener Begegnung mit Beer berichten und davon, wie dieser seine damals neuartigen Ideen vermittelte und Menschen für kybernetisches Denken begeisterte. Zur Sprache kamen auch Beers spätere Lebensjahre und seine künstlerische Tätigkeit sowie die Verbindung zwischen seinem Denken und der St. Galler Management-Kybernetik.

Damit wurde bereits zu Beginn deutlich: Stafford Beer lässt sich kaum auf das Viable System Model reduzieren. Hinter dem Modell steht eine umfassendere Vorstellung davon, wie Organisationen mit Komplexität umgehen können – durch geeignete Rückkopplungen, differenzierte Autonomie, rekursive Strukturen und eine Organisation der notwendigen Varietät.

Schwaninger berichtete darüber hinaus von internationalen Aktivitäten rund um Beers 100. Geburtstag, die zeigen, dass die Auseinandersetzung mit seinem Werk weit über den deutschsprachigen Raum hinaus fortgeführt wird. Das Jubiläum ist damit weniger Endpunkt einer historischen Würdigung als Anlass für eine erneute Beschäftigung mit den Fragen, die Beer gestellt hat.

Vom Modell zur organisationalen Praxis

Diese Perspektive nahm Patrick Hoverstadt in seiner Keynote konsequent praktisch auf. Sein Beitrag beruhte auf rund drei Jahrzehnten Erfahrung mit Management-Kybernetik und dem VSM in Organisationsberatung und -gestaltung. Er zeigte, wie Beers Konzepte in der Praxis für Organisationsdiagnose, Design, Governance und Transformation genutzt und mit anderen systemischen Methoden verbunden werden können.

Dabei wurde ein zentraler Aspekt besonders sichtbar: Das VSM ist kein Organigramm und kein abstraktes Schema, das einer bestehenden Organisation lediglich übergestülpt wird. Sein Wert liegt vielmehr darin, Fragen nach Entscheidungsfähigkeit, Verantwortungsverteilung, Koordination und Anpassungsfähigkeit systematisch zu stellen. Hoverstadts Beispiele machten deutlich, dass Beers Konzepte gerade dann produktiv werden, wenn sie in eine für Führungskräfte und Mitarbeitende verständliche Gestaltungspraxis übersetzt werden.

Diese Verbindung von VSM und konkreter Organisationspraxis griff später auch Carola Ritzinger-Roll in ihrem Kurzimpuls auf. Am Beispiel eines mittelständischen Maschinenbauunternehmens zeigte sie, wie das VSM mit Lean- und Qualitätsmanagement verbunden werden kann. In einem Umfeld hoher Variantenvielfalt, regulatorischer Anforderungen und technologischer Dynamik dient das VSM dabei als übergeordneter Bezugsrahmen, während etablierte Managementinstrumente konkrete Rückkopplungs-, Lern- und Steuerungsfunktionen operationalisieren.

Gerade diese unterschiedlichen Beispiele unterstrichen eine gemeinsame Linie des Symposiums: Management-Kybernetik gewinnt ihren Wert nicht dadurch, dass Organisationen möglichst sichtbar „nach VSM“ aussehen. Entscheidend ist, ob kybernetische Prinzipien dazu beitragen, Organisationen tatsächlich lebens-, lern- und anpassungsfähiger zu machen.

Gesundheitswesen und KI: neue Anwendungsfelder für kybernetisches Denken

Einen weiteren Perspektivwechsel brachte die Keynote von Dr. Matvei Tobman. Als Mediziner, Chirurg und Risikomanager näherte er sich dem VSM aus der praktischen Erfahrung komplexer Gesundheitseinrichtungen.

Ausgangspunkt waren strukturelle und prozessuale Probleme in Krankenhäusern. Die von Beer verwendete Analogie zwischen Organisation und Nervensystem bot dabei einen anschaulichen Zugang, auch wenn die neurophysiologischen Vorstellungen aus heutiger Sicht weiterentwickelt worden sind. Entscheidender war die Frage, wie Krankenhausorganisationen als zusammenhängende Systeme analysiert werden können und wo typische Dysfunktionen ihre Lebensfähigkeit beeinträchtigen.

Von hier führte Tobman unmittelbar zur Künstlichen Intelligenz. Anstatt einzelne KI-Anwendungen isoliert einzuführen, schlug er vor, zunächst die systemischen Funktionen und Problemfelder der Organisation zu analysieren. So können beispielsweise Anwendungen für Dokumentation, Diagnostik, Logistik oder Patientensteuerung danach beurteilt werden, welche Funktion sie im Gesamtsystem tatsächlich unterstützen – und ob ihre Einführung möglicherweise neue Ungleichgewichte erzeugt.

Damit berührte sein Vortrag eine Frage, die an mehreren Stellen des Symposiums wiederkehrte: Soll Technologie bestehende Organisationsstrukturen lediglich effizienter machen – oder müssen wir zunächst fragen, welche Organisations- und Entscheidungsarchitektur überhaupt benötigt wird?

Managementarchitekturen für Menschen und intelligente Agenten

Genau an dieser Stelle setzte der Kurzimpuls von Prof. Dr. Christian Abegglen zu „Agentonomics“ an. Der Ansatz fragt nicht primär danach, welche Managementaufgaben durch KI automatisiert werden können. Ausgangspunkt ist vielmehr die Managementarchitektur selbst.

Wenn Menschen und intelligente Agenten künftig gemeinsam Managementleistungen erbringen, müssen Managementwissen, Rollen, Mandate, Entscheidungsrechte, Kontrollpunkte und Lernprozesse so expliziert werden, dass daraus eine gemeinsame Architektur entstehen kann.

Daraus folgt eine bemerkenswerte Umkehrung der heute häufig technikgetriebenen Diskussion: Nicht die jeweils verfügbare KI-Technologie sollte bestimmen, wie Management organisiert wird. Vielmehr sollte die Managementarchitektur festlegen, welche intelligenten Systeme mit welchen Rollen, Entscheidungsrechten und Governance-Strukturen sinnvoll eingesetzt werden.

Agentonomics knüpft hierfür an die systemorientierte St. Galler Managementtradition an und versteht Unternehmen als offene, komplexe und entwicklungsfähige Systeme. Das Ziel ist ausdrücklich nicht eine vollständige Automatisierung des Managements, sondern die Gestaltung hybrider Managementsysteme, in denen menschliche und maschinelle Fähigkeiten verantwortbar zusammenwirken.

In dieser Perspektive liegt eine interessante Verbindung zu Beer: Auch hier geht es letztlich darum, mit wachsender Varietät umgehen zu können und Entscheidungs-, Kommunikations- und Lernfähigkeit in komplexen Systemen zu organisieren.

Das VSM weiterdenken – und den Blick über die Organisation hinaus richten

Die weiteren Kurzimpulse erweiterten diese Diskussion.

Roman Lelekov fragte nach einem allgemeineren ontologischen Rahmen für das Viable System Model. Im Mittelpunkt standen unter anderem die Unterscheidung zwischen organisationalen Funktionen und ihrer konkreten Realisierung sowie die Frage, wie Rekursion und Viabilität unter unterschiedlichen Bedingungen konzeptionell gefasst werden können. Damit wurde das VSM selbst zum Gegenstand der Reflexion: nicht als abgeschlossenes Modell, sondern als Ausgangspunkt für weitere theoretische Klärung.

Dr. Peter Kinne weitete den Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge. In seinem Beitrag stellte er zur Diskussion, welchen Beitrag systemwissenschaftliches Denken und Organisationen zur gesellschaftlichen Resilienz und zu demokratischer Verständigung leisten könnten. Dabei hob er insbesondere Organisationen als Orte hervor, an denen Menschen Wissen, Erfahrungen, Werte und soziale Praktiken entwickeln und austauschen. Dies verband er mit der Frage, wie Organisationen selbst resilient und zukunftsfähig gestaltet werden können. Diese Perspektive war als Impuls für die Diskussion angelegt und verband organisationale Kybernetik mit weiterreichenden gesellschaftlichen Fragestellungen.

Von der Jubiläumsveranstaltung zum gemeinsamen Dialog

Für den Nachmittag war ursprünglich ein World Café vorgesehen. Der intensive Austausch im Verlauf des Tages führte jedoch dazu, dass darauf verzichtet und die verfügbare Zeit stattdessen für eine gemeinsame offene Abschlussdiskussion genutzt wurde.

Das erwies sich als passend für den Charakter der Veranstaltung. Keynote-Speaker, Impulsgeber und Teilnehmende brachten Erfahrungen, Fragen und zum Teil auch unterschiedliche Einschätzungen unmittelbar in das Gespräch ein. Die Diskussion setzte damit genau dort an, wo viele Beiträge des Tages zusammenliefen: bei der Frage, wie Organisationen unter Bedingungen zunehmender Komplexität entscheidungsfähig bleiben können – und welche Rolle kybernetisches Denken dabei heute noch spielen kann.

Eine abschließende Antwort gab es nicht – und vielleicht war gerade das angemessen. Das Symposium zeigte vielmehr, dass Stafford Beers Werk auch einhundert Jahre nach seiner Geburt ein produktiver Ausgangspunkt für sehr unterschiedliche Fragen bleibt: von Organisationsdesign und Governance über Gesundheitswesen und Industrie bis hin zu KI, hybriden Managementsystemen und gesellschaftlicher Resilienz.

Stafford Beer weiterzudenken bedeutet damit nicht, seine Modelle unverändert in die Gegenwart zu übertragen. Es bedeutet, seine grundlegenden Fragen nach Viabilität, Varietät, Autonomie, Koordination und Lernfähigkeit unter heutigen Bedingungen neu zu stellen.

Weitere Informationen zu den Vorträgen, Kurzimpulsen und Referierenden sowie Impressionen des Symposiums finden Sie auf der Archivseite der Veranstaltung. Ausgewählte Präsentationen können mit Zustimmung der jeweiligen Vortragenden auf Anfrage über die GWS zur Verfügung gestellt werden.

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6. SynergyLab der GWS e.V. – Zwei Wege zur Systemanalyse: Frederic Vester und System Dynamics

Am 29. Oktober 2025 fand das sechste SynergyLab der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialkybernetik (GWS e.V.) statt. Im Zentrum stand ein Impulsvortrag von Prof. Dr. Andreas Größler (Universität Stuttgart) unter dem Titel „Zwei Wege zur Systemanalyse – Frederic Vester und System Dynamics“. Die Diskussion wurde moderiert von Dr. Sven-Volker Rehm.

Prof. Größler stellte in seinem Vortrag die beiden prägenden Ansätze systemischer Analyse gegenüber – das kybernetische Denken Frederic Vesters und die System Dynamics-Methode nach Jay W. Forrester. Beide beruhen auf der Idee zirkulärer Kausalität, unterscheiden sich jedoch in Formalisierungsgrad, Anwendungsfokus und Zugang zur Verständigung über komplexe Systeme.

Vester zielte auf qualitative und anschauliche Zugänge zur Systembetrachtung ab. Seine Sensitivitätsmodelle fördern das gemeinsame Nachdenken über Zusammenhänge und Rückkopplungen – insbesondere in interdisziplinären Gruppen. System Dynamics hingegen bietet einen quantitativen, experimentellen Zugang, um Hypothesen über Systemverhalten zu prüfen und Politikmaßnahmen zu simulieren.

In der Diskussion zeigte sich, dass beide Ansätze komplementär sind. Vesters Methoden ermöglichen Verständigung und Beteiligung, System Dynamics vertieft die analytische Durchdringung. Zusammen können sie dazu beitragen, komplexe Probleme – von ökologischer Nachhaltigkeit bis zu organisatorischen Transformationsprozessen – zugleich verständlich, überprüfbar und kommunizierbar zu machen.

Das SynergyLab verdeutlichte damit, dass Kybernetik heute nicht nur historische Relevanz besitzt, sondern eine Vermittlungsdisziplin zwischen Wissenschaft, Praxis und Bildung bleibt. Die Teilnehmenden waren sich einig: Vesters Vermächtnis, komplexe Systeme erfahrbar und diskussionsfähig zu machen, ist aktueller denn je.

Zentrale Erkenntnisse:

  • Vesters und Forresters Ansätze verfolgen unterschiedliche, aber vereinbare Ziele: Lernen über Systemverhalten.
  • Systemdenken lebt von der Integration qualitativer und quantitativer Methoden.
  • Partizipation ist kein Beiwerk, sondern Teil der Modellbildung.
  • Vesters Sensitivitätsmodell eignet sich als Einstieg für komplexe Problemfelder in Bildung und Praxis.
  • Die Kombination beider Ansätze eröffnet Perspektiven für nachhaltige Entscheidungsprozesse.

Das nächste SynergyLab findet im Dezember 2025 statt – mit neuem Impuls, neuer Perspektive, neuer Gelegenheit zum Weiterdenken. Weitere Informationen finden Sie auf dieser Website und auf LinkedIn.

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📧 office@gws-kybernetik.org

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Wirkungsgefüge, Verantwortung und Systembewusstsein – Was Vester heute lehrt

Am 23. Juli 2025 fand das 4. SynergyLab der GWS e.V. statt – erneut ein Raum für reflektierten, interdisziplinären Austausch rund um kybernetisches Denken und kollektive Intelligenz. Diesmal stand das Werk des Systemdenkers Frederic Vester im Mittelpunkt, vorgestellt und eingeordnet von Prof. Dr. Falko Wilms (Hochschule Vorarlberg).

Vester – mehr als Matrixdenken

Unter dem Titel „Wirkungsgefüge, Einflussmatrix und Schlüsselvariablen – Was Vester anders macht als seine Nachahmer“ zeigte Wilms auf, worin die Besonderheit des Vester’schen Ansatzes liegt: Nicht nur das Tool (die bekannte Einflussmatrix), sondern die dahinterliegende kybernetische Haltung, das vernetzte Denken und die Verantwortungsperspektive stehen im Zentrum.

Zentrale Impulse:

  • Wirkungsgefüge machen nicht nur Strukturen sichtbar, sondern erklären funktionale Zusammenhänge.
  • Einflussmatrizen dienen nicht der Dekoration, sondern der systematischen Bewertung von Handlungsoptionen.
  • Schlüsselvariablen helfen, das Wesentliche zu erkennen: Was wirkt stark und ist beeinflussbar?
  • Vester dachte Kybernetik als Gestaltungslehre – gegen mechanistische Steuerungsfantasien.
  • Seine Methode setzt auf Verständigung, Transparenz und Beteiligung, nicht auf technokratische Modellierung.
  • Heutige „Systemtools“ greifen zwar Begriffe auf – aber oft ohne die reflexive Tiefe.
  • Die Diskussion zeigte: Vesters Denken ist hochaktuell – gerade in Zeiten komplexer Entscheidungsdilemmata.

Offenheit trifft Tiefe

Das 4. SynergyLab war geprägt von einer erkenntnisorientierten Diskussion – mit Teilnehmern aus Systemforschung, Praxisberatung und Organisationsentwicklung. Besonders intensiv wurde über die ethische Dimension systemischer Methoden gesprochen: Wie ermöglichen wir verantwortlichere Entscheidungen in komplexen Umwelten?

Systemisches Denken weiterdenken

Die GWS versteht die SynergyLabs als lebendige Orte der Verständigung – nicht über Theorien allein, sondern über ihre Bedeutung für die Welt, in der wir handeln. Das Werk von Frederik Vester bleibt dabei eine zentrale Inspirationsquelle.

📅 Das nächste SynergyLab findet im Herbst 2025 statt – mit neuem Impuls, neuer Perspektive, neuer Gelegenheit zum Weiterdenken.

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Narrative, Feedback und Steuerung – Kybernetik trifft Politikgestaltung

Am 25. Juni 2025 fand das 3. SynergyLab der GWS e.V. statt – ein offenes Gesprächsformat für alle, die systemisches Denken, kollektive Intelligenz und kybernetische Perspektiven auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen vertiefen möchten. Dieses Mal war Adrian Brozek (KU Leuven) als Impulsgeber zu Gast.

Politik als komplexes System – eine kybernetische Betrachtung

Unter dem Titel „Krieg, Klima, Krankenhausreform – Eine kybernetische Betrachtung politischer Wirklichkeitskonstruktion“ eröffnete Adrian Brozek einen tiefgehenden Dialog über den Zusammenhang zwischen Narrativen, Rückkopplungseffekten und politischer Steuerung. Dabei rückte er die Frage ins Zentrum, wie sich Wirklichkeit in politischen Prozessen durch Sprache, Kommunikation und institutionelle Reaktionen konstruiert – und welche Rolle kybernetisches Denken dabei spielen kann.

Zentrale Erkenntnisse des Abends:

  • Narrative wirken nicht beiläufig, sondern strukturieren politische Realität.
  • Rückkopplung geschieht sozial: durch Meinungsbildung, Medien, Wahlergebnisse, Protest.
  • Komplexe Systeme lassen sich nicht linear steuern – es braucht reflexive, adaptive Formen der Governance.
  • Kybernetische Begriffe wie „Beobachtung zweiter Ordnung“ oder „Systemgrenze“ sind hilfreich, um politische Dynamiken mehrdimensional zu verstehen.
  • Politik ist auch Kommunikation über Handlung – wer welche Geschichten erzählt, hat Einfluss.
  • Die Grenzen von Systemen entstehen durch Diskurse, Machtverhältnisse und Wahrnehmungen.
  • Politische Steuerung muss mit Unsicherheit, Verzögerung und unvollständigem Feedback umgehen.
  • Policy-Making ist kein Umsetzungsplan, sondern ein kontinuierlicher, diskursiver Prozess.

Reger Austausch im offenen Format

In der Diskussion wurde deutlich, wie vielfältig die Perspektiven auf politische Wirklichkeit sind – von der politischen Praxis über Governance-Forschung bis hin zur Systemtheorie. Die Teilnehmenden diskutierten Fragen wie:

  • Was kann Kybernetik zur Beobachtung politischer Diskurse beitragen?
  • Wie lassen sich narrative Rückkopplungseffekte empirisch untersuchen?
  • Inwieweit sind klassische Steuerungsbilder heute noch tragfähig?

Dabei zeigte sich: Die Kybernetik bietet keinen festen Werkzeugkasten, sondern ein reflexives Denkmodell für komplexe gesellschaftliche Prozesse – mit hohem Potenzial für interdisziplinäre Kooperation.

Mehr erfahren & mitgestalten

Die SynergyLabs der GWS sind offen für alle, die systemische Ansätze in Gesellschaft, Politik und Organisationen weiterdenken möchten.
📅 Das nächste Lab findet am 23. Juli 2025 statt – mit neuen Impulsen und wieder Raum für Austausch, Perspektiven und Querdenken.

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Bildnachweis: Gedenkstunde zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 2025: Übersicht des Plenarsaals während der Begrüßungsansprache von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, CDU/CSU, MdB. Ort: Reichstagsgebäude, Plenarsaal, Berlin / Deutschland. Aufgenommen: 08. May 2025, 12:39 Uhr. Bildnummer: 5025248. Fotograf/in: Thomas Köhler / photothek. Dieses Bild darf für private und kommerzielle nicht-werbliche Zwecke genutzt werden. Die Verwendung des Bildes in sozialen Medien ist gestattet.

Sven-Volker Rehm

Laws of Form-Analyse digitalisierter Arbeitswelten

Die als Schlüsselwerk der Kybernetik bekannt gewordenen Laws of Form von George Spencer-Brown (1969) lassen sich zur Analyse moderner digitaler Infrastrukturen in unserem Arbeitskontext nutzen, um neue Methoden und Theorien zu entwickeln. Dies ist einer der Beiträge des Artikels, der im Februar 2022 im Journal Information and Organization (Elsevier) erschienen ist. Ein Ko-Autor ist GWS-Mitglied Sven-V. Rehm.

Die fortschreitende Digitalisierung hat unser Verständnis von Technologie als einzelne Geräte, Datenbanken oder Anwendungssoftware verändert – wir nehmen diese heute wahr als sich dynamisch verändernde Umgebungen, also Cloud, Metaverse, IoT, KI, eingebettete Systeme usw., in denen vielfältige Nutzungsarten und informationstechnische Prozesse miteinander verflochten sind. Diese in der wissenschaftlichen Literatur als sociomaterial bezeichneten Verflechtungen bestimmen den Erfolg unserer digitalisierten Arbeitswelten (DAW). DAW sind heute viel zu komplex geworden, um sie so zu definieren, wie wir es in der Vergangenheit mit “IT-Artefakten” getan haben. Für die Forschung macht diese Entwicklung das Studium von DAW zunehmend schwieriger und erfordert die Weiterentwicklung von Methoden, mithilfe derer sich die Dynamik der DAW besser beobachten und konzeptualisieren lässt.

In einem vor Kurzem von GWS-Mitglied Sven-V. Rehm mit verfassten Artikel verwenden die Autoren den mathematisch-logischen Formalismus der Laws of Form (LoF) (Spencer-Brown, 1969) für die Analyse sechs illustrativer Studien. Dort wird untersucht, wie jeweils soziale und materielle Aspekte konzeptualisiert werden, um zu unterschiedlichen Perspektiven auf DAW zu gelangen. Die Analyse zeigt drei Archetypen der Beobachtung und Konzeptualisierung auf, die eine Diskussion darüber anregen, wie die Forschung zu neuen Informationssystemen neue qualitative Methoden entwickeln kann.

Der Artikel bietet zum einen neue Einblicke in das aktuelle Verständnis von DAW und Erklärungen zu Schlüsselkonzepten. Zum anderen werden die Laws of Form – als eines der Schlüsselwerke u.a. im Hinblick auf das Konzept der Beobachtung – als prä-ontologischer und prä-theoretischer Formalismus vorgestellt, der die Kommensurabilität von Methoden und die Entwicklung neuer qualitativer empirischer Methoden ermöglicht. Dabei wird aufgezeigt, wie der Formalismus hilft, Unterscheidungen bezüglich des Untersuchungsgegenstandes zu artikulieren und zu verfeinern – und die Argumentation anderer Forscher/-innen kritisch zu untersuchen und zu rekonstruieren.

Der Beitrag kann hier gelesen werden.

Reference: Rehm S-V, Goel L, Junglas I (2022) Researching digitalized work arrangements: A Laws of Form perspective. Information and Organization:100391. DOI: 10.1016/j.infoandorg.2022.100391 .

Sven-Volker Rehm

Lehr- und Lernmaterialien für die WiSo-Kybernetik

Eine satzungsgemäße Aufgabe der GWS e.V. ist das “Aufzeigen, die Entwicklung und die Verbreitung des Gedankenguts und der Methoden der Kybernetik in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft im Zusammenwirken mit den Erkenntnissen und Erfahrungen der allgemeinen Wissenschaft und Praxis” (Satzung).

Diese aktuelle Initiative innerhalb der GWS hat zum Ziel, entsprechende Materialien für akademische und berufsbegleitende Lehre zusammenzustellen. Diese sollen zum einen die Aus- und Weiterbildung von Führungskräften in Wirtschaft, Politik und Verwaltung auf dem Gebiet der WiSo-Kybernetik ermöglichen sowie zum anderen die Förderung des Interesses für Kybernetik, insbesondere bei jungen Menschen.

Sowohl Hinweise auf Materialien als auch Anforderungen an die Aus- und Weiterbildung sind herzlich eingeladen. Wenn Sie sich als GWS-Mitglied oder externe/-r Interessierte/-r beteiligen möchten, wenden sie sich bitte an den Vorstand der GWS.

Sven-Volker Rehm

CI:P Journal: Beiträge zu Collective Intelligence

Die GWS gründet derzeit eine neuartige wissenschaftliche Zeitschrift: Collective Intelligence Perspectives ist als interdisziplinäres und multimediales Angebot sowie als globales Forum für transdisziplinäre wissenschaftliche Untersuchungen konzipiert, die sich mit systemischen Perspektiven auf kollektive Intelligenz bzw. Collective Intelligence befassen, also die kollektive Generierung und Nutzung von Informationen, Kommunikation und Kontrolle in sozialen Organisationen betrachten.

Wenn Sie selbst als Autor oder Autorin beitragen möchten, wenden Sie sich bitte an den Vorstand der GWS.

Falko Wilms

Sich beobachtende Beobachter

Die Kybernetik zweiter Ordnung und die Theorie sozialer Systeme kreisen um Fragen von Beobachtung, Kommunikation und Entscheidung. Grundprämisse ist, dass die Anwendung eines Regelwerkes eine daraus resultierende Wirklichkeit konstruiert.
Für die Interpretation von bewirkten Resultaten von eigenen und fremden Handlungen sind die Entstehungsbedingungen und die Grenzen der Gültigkeit des jeweils benutzten Regelwerkes maßgeblich.
Die systemtheoretische BWL knüpft hier an; sie stellt das fachübergreifende, rationalitätsorientierte Denken von Beobachtern ins Zentrum. Die Beobachter sind durch soziale Systeme miteinander verbunden, die aus aufeinander verweisenden Kommunikationen bestehen.

Für den Blick auf gemeinsame Entscheidungen ist maßgeblich:
a) Entscheidungen werden nicht ausgerechnet, sondern von Beobachtern ausgehandelt
b) Alles was kommuniziert wird, wird von einem Beobachter zu einem Beobachter  kommuniziert
Um dies zu analysieren wird der Formkalkül von Spencer-Brown angewandt, der Kommunikation versteht als unterscheiden und bezeichnen im Kontext von Unterscheidungen, die von Beobachtern getroffen werden. Der Kalkül erzeugt etwas, das er aber keinesfalls repräsentiert.

Diese Initiative innerhalb der GWS verfolgt das Ziel, die unterschiedlichsten Sachzusammenhänge mit den Mitteln der Kybernetik 2. Ordnung zu analysieren, um Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Ein Kernziel der Initiative ist, durch Anwendungen der Laws of Form (oft abgekürzt mit LoF)
1) Sichtweisen unterschiedlicher Stakeholder auf einen zu Sachverhalt dokumentieren
2) Entstehungsbedingungen (der Ergebnisse) einzelner Beobachtungen offenzulegen
3) eine argumentierbare integrative Darstellung von Sachverhalten zu generieren, deren Autorität für die zu rechtfertigen ist.

Der Austausch über das Zustandekommen eigener und fremder Beobachtungen bewirkt ein wechselseitiges Verständnis von Erkenntnissen, Standpunkten und Meinungen. So gelingt die aufeinander abgestimmte Weiterentwicklung von arbeitsteiligen Wertschöpfungsprozessen. Mittelfristig wird damit auch die Kompetenz zur Gestaltung vernetzter Wertschöpfungs-Partnerschaften gefördert, was einer Förderung der kollektiven Intelligenz der Prozessbeteiligten gleichkommt.

Sowohl Hinweise auf themenbezogene Beiträge als auch passende Materialien werden angenommen. Wenn Sie sich als GWS-Mitglied oder externe/-r Interessierte/-r beteiligen möchten, wenden sie sich bitte an den Vorstand der GWS.

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