
Geschichte der GWS
Seit 1968 – Kybernetisches Denken für Wirtschaft und Gesellschaft.
Die Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialkybernetik e.V. (GWS) wurde 1968 gegründet. Seitdem bringt sie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Persönlichkeiten aus der Praxis zusammen, um kybernetische Denkweisen und Methoden für das Verständnis und die Gestaltung komplexer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Systeme fruchtbar zu machen.
Die Geschichte der GWS spiegelt zugleich die Entwicklung der Kybernetik wider: von frühen Anwendungen der Regelungs- und Systemtheorie auf wirtschaftliche und soziale Fragestellungen über das Management komplexer Organisationen bis hin zu aktuellen Herausforderungen der digitalen Transformation, kollektiven Intelligenz und des Zusammenwirkens von Menschen und künstlicher Intelligenz.
Die Anfänge – Gründung 1968
Am 10. Juli 1968 fand auf Einladung von Dr. Ernst-Wolf Mommsen, dem damaligen Vorstandsvorsitzenden der Thyssen-Röhrenwerke AG, in Düsseldorf die Gründungssitzung der GWS statt. Die Gründung erfolgte unter der Schirmherrschaft des Rationalisierungskuratoriums der Deutschen Wirtschaft (RKW).
Die Initiative ging von der Überzeugung aus, dass kybernetische Konzepte und Methoden wichtige Beiträge zum Verständnis und zur Lösung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Probleme leisten können. Die neue Gesellschaft sollte hierzu den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis fördern und Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Disziplinen und Tätigkeitsfeldern zusammenführen.
Bereits die Zusammensetzung der Gründungsmitglieder verdeutlichte diesen Anspruch: Neben Führungspersönlichkeiten aus Industrie und Wirtschaft waren auch Vertreter der angewandten Forschung, der Wirtschaftsverbände und der Gewerkschaften beteiligt.
Wissenschaftlicher Austausch und Publikationen
Von Beginn an bildeten wissenschaftliche Symposien einen Schwerpunkt der Aktivitäten. Sie boten Gelegenheit, theoretische Entwicklungen mit praktischen Erfahrungen zu verbinden und die Anwendung kybernetischer Ansätze in unterschiedlichen Bereichen zu diskutieren.
Ein früher Meilenstein war das Symposium vom 2. und 3. Mai 1975 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Jörg Baetge beschäftigten sich etwa 150 Teilnehmende mit der „Anwendung der Systemtheorie, insbesondere der Regelungstheorie, auf soziale und ökonomische Probleme“. Die Beiträge behandelten makroökonomische und politische Fragen, betriebswirtschaftliche Anwendungen sowie Instrumente der Systemtheorie. Anlässlich dieses Symposiums erschien auch ein erster Sammelband.
In den folgenden Jahrzehnten etablierte sich eine kontinuierliche Tradition wissenschaftlicher Tagungen und Veröffentlichungen. Seit 1982 erschienen zahlreiche Tagungsbände im Verlag Duncker & Humblot in der Reihe Wirtschaftskybernetik und Systemanalyse. Sie dokumentieren die thematische Entwicklung der Gesellschaft und bilden zugleich ein umfangreiches Archiv wirtschafts- und sozialkybernetischer Forschung.
Wandel und Kontinuität
Im Laufe ihrer Geschichte hat die GWS unterschiedliche wissenschaftliche Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen aufgegriffen. Während in den ersten Jahrzehnten insbesondere regelungstheoretische und betriebswirtschaftliche Fragestellungen im Vordergrund standen, rückten zunehmend Themen wie Komplexitätsbewältigung, vernetzte Organisationen, Kommunikation, organisationales Lernen, System Dynamics und digitale Transformation hinzu.
Die wissenschaftlichen Tagungen und Publikationen der GWS spiegeln diese Entwicklung wider. Dabei blieb der interdisziplinäre Dialog ein zentrales Anliegen: Kybernetik wurde und wird nicht als abgeschlossene Theorie, sondern als ein sich weiterentwickelnder Zugang zum Verständnis dynamischer und komplexer Zusammenhänge betrachtet.
Auch organisatorisch entwickelte sich die Gesellschaft weiter. Auf Phasen regelmäßiger größerer Symposien folgten zunehmend kleinere, thematisch fokussierte Veranstaltungen, Workshops und neue Formen des Austauschs.
Die GWS heute – eine Tradition wird weitergeführt
Heute führt die GWS diese Tradition mit neuen Themen und Formaten fort. Im Mittelpunkt stehen Fragen der Anpassungs-, Lern- und Entscheidungsfähigkeit komplexer Systeme sowie die Rolle kybernetischen Denkens bei der Gestaltung von Organisationen, Wirtschaft und Gesellschaft.
Mit dem SynergyLab hat die Gesellschaft ein regelmäßiges Online-Gesprächsformat geschaffen, das Wissenschaft und Praxis in einen offenen Austausch bringt. Der im Aufbau befindliche GWS Knowledge Hub soll kybernetische Konzepte, Methoden und Anwendungsbeispiele als kuratierte Wissensplattform zugänglich machen.
Ein weiterer Meilenstein ist die 2026 erfolgte Veröffentlichung der ersten Ausgabe von Collective Intelligence Perspectives (CIP). Das internationale Open-Access-Journal eröffnet einen transdisziplinären wissenschaftlichen Dialog über kollektive Intelligenz aus systemischen und kybernetischen Perspektiven.
So verbindet die GWS ihre über Jahrzehnte gewachsene wissenschaftliche Tradition mit neuen Fragestellungen, Formen der Zusammenarbeit und Möglichkeiten der Wissensvermittlung.
Die Vorsitzenden der GWS seit 1968
Die Entwicklung der Gesellschaft wurde durch unterschiedliche wissenschaftliche und fachliche Persönlichkeiten geprägt. Seit ihrer Gründung standen acht Vorsitzende an ihrer Spitze.
| Zeitraum | Vorsitzende |
|---|---|
| 1968–1971 | Dr. Werner Dräger |
| 1971 | Dr.-Ing. Hans H. Moll |
| 1971–1975 | Prof. Dr. Richard Eppler |
| 1975–1986 | Prof. Dr. Jörg Baetge |
| 1986–1999 | Prof. Dr. Bernd Schiemenz |
| 1999–2015 | Prof. Dr. Thomas Fischer |
| 2015–2021 | Prof. Dr. Meike Tilebein |
| Seit 2021 | PD Dr.-Ing. Sven-Volker Rehm |
Historisches Archiv
Die GWS dokumentiert ihre Geschichte auch durch die Zusammensetzung ihrer Gründungsgremien und Vorstände. Die nachfolgenden Verzeichnisse bewahren diese Informationen und geben Einblick in die Persönlichkeiten, die die Gesellschaft seit 1968 begleitet und geprägt haben.
Weitere Einblicke in die Geschichte der GWS bieten die Verzeichnisse der wissenschaftlichen Tagungen und Symposien sowie der veröffentlichten Tagungsbände.