Die GWS e.V. begreift Wirtschafts- und Sozialkybernetik als Anwendungsfeld der Kybernetik in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Als Anwendungsfeld führt sie unterschiedliche Paradigma, wissenschaftliche Diskurse, Perspektiven und Kontexte des Systemdenkens zusammen. Die Wirtschafts- und Sozialkybernetik nutzt sozialwissenschaftliche, respektive wirtschafts­wissenschaftliche Grundannahmen, Perspektiven, Theorien, Konzepte und Methoden.

Die Kybernetik beschäftigt sich grundsätzlich mit Prozessen der Kommunikation und der Verarbeitung von Information in dynamischen Systemen mit dem Ziel, Möglichkeiten zu ihrer zieldienlichen Regelung und Steuerung zu entwickeln. Die Vorgehensweise besteht in einer schrittweisen Detaillierung der Systembeschreibung, die sich auf die Struktur der Komponenten (erkennbar an Geld-, Material-, Energie- und/oder Informationsflüssen) und dem durch sie hervorgebrachten Verhalten bezieht. Mit der Systembeschreibung wird ein theoretisch und/oder empirisch begründetes Modell konstruiert, mit dem Optimierungskalküle hergeleitet oder durch Simulations-Tests zweckdienliche Sollwerte bzw. Sollwert-Pfade erkundet werden.

Kybernetik ist also eine Reflexionssprache, die einen interdisziplinären Diskurs ermöglicht und das in der Realität gelebte Systemdenken aus seinen Anwendungen über den Diskurs in diesen selbst zurückführt. Die Gestaltung von Prozessen der Kommunikation und der Verarbeitung von Information ist somit Kernaufgabe auch der Wirtschafts- und Sozialkybernetik.

Die Sozialkybernetik will mit Blick auf Komplexität und Kommunikation insbesondere Fragen der Dynamik, Selbstbezüglichkeit und Selbstorganisation in Gruppen und Gesellschaften zu erörtern. Wichtige Perspektiven und Positionen liefern die Kybernetik zweiter Ordnung und die Theorie sozialer Systeme. Zentrale Aspekte sind Beobachtung, Kommunikation und Informationsverarbeitung der Gruppenmitglieder bzw. Mitglieder einer Gesellschaft, die gemäß interner Regeln eine zu ihrem Vorgehen passende Wirklichkeit konstruieren. Entscheidend sind die Entstehungsbedingungen und die Interpretation der Ergebnisse von getätigten Beobachtungen.

Die Wirtschaftskybernetik behandelt Fragen im Zusammenhang mit Struktur, Funktion und (nicht-linearem) Verhalten von Organisationen unter dem Blickwinkel des Managements, der Gestaltung und der Führung. Dabei werden u.a. auch Gesichtspunkte ethisch-moralischer Entscheidungen sowie von Resilienz und Nachhaltigkeit betrachtet. Wichtige Perspektiven und Positionen liefern systemtheoretische Ansätze in der Managementlehre, der Organisationstheorie und des Organizational Behavior, qualitative und quantitative Modellierung (bspw. System Dynamics) sowie kritische erkenntnistheoretische Grundpositionen.

Neben diesen Verortungen der Wirtschafts- und Sozialkybernetik bestehen vielfältige Verknüpfungen und Rückkopplungen mit weiteren Disziplinen, die kybernetisches Denken pflegen und anwenden, u.a. den Ingenieurwissenschaften (bspw. Regelungstechnik) und der Informatik (bspw. Künstlicher Intelligenz), den Neuro- und Kognitionswissenschaften (bspw. Computational Neuroscience) sowie Psychologie, Linguistik, Philosophie, Design und Anthropologie. Ebenso ist sie ästhetischen, performativen und künstlerischen Diskurs- und Erlebenswelten aufgeschlossen.

Der Diskurs über Wirtschafts- und Sozialkybernetik soll hierbei helfen, immer noch existierende disziplinäre Grenzen zwischen Natur-, Geistes- und Ingenieurwissenschaften und deren akademischen Communities zu überwinden und gleichzeitig die Ausbildung neuer, wissenschaftlich begründeter Perspektiven und Disziplinen befördern.

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