Wiener-2001

Wenn mehr Information nicht genügt: Cybersecurity, verborgene Dynamiken und kollektive Entscheidungsfähigkeit

Beim 12. SynergyLab der GWS am 30. September 2026 diskutierten 25 Teilnehmende aus Wissenschaft und Praxis mit Prof. Dr. Laura Georg Schaffner, wie Cybersecurity in Aufsichts- und Verwaltungsräten wahrgenommen, diskutiert und gesteuert wird. Im Mittelpunkt stand dabei eine Frage, die weit über Cybersecurity hinausweist: Wie können Organisationen komplexe Dynamiken erkennen, wenn diese im alltäglichen Entscheidungsprozess nur teilweise sichtbar werden?

Cybersecurity gilt längst nicht mehr als rein technisches Thema. Investitionen, Regulierung, Haftung, strategische Risiken und die Widerstandsfähigkeit von Organisationen machen sie zu einer Aufgabe der Unternehmensführung und Governance. Doch gerade auf Ebene von Boards und Aufsichtsgremien stellt sich ein grundlegendes Problem: Reicht es aus, immer mehr Informationen über Cyberrisiken bereitzustellen?

Die zentrale These des Abends lautete: Mehr Information bedeutet nicht automatisch mehr Sichtbarkeit.

Prof. Dr. Laura Georg Schaffner, Associate Professor an der EM Strasbourg Business School der Universität Straßburg, stellte hierzu Ergebnisse eines laufenden Forschungsprojekts zur Cybersecurity-Governance in Boards vor. Ihre Perspektive verbindet langjährige wissenschaftliche Arbeit mit umfangreicher Führungserfahrung im Bereich Cybersecurity.

Was gelangt überhaupt in den Entscheidungsraum?

Ausgangspunkt der vorgestellten Forschung sind Interviews mit erfahrenen Boardmitgliedern. Dabei zeigt sich: Menschen nehmen Cybersecurity nicht neutral oder vollständig wahr. Ihre beruflichen Erfahrungen, Rollen, Verantwortlichkeiten und bisherigen Erlebnisse beeinflussen, welchen Aspekten sie Aufmerksamkeit schenken und wie sie Probleme interpretieren.

Diese unterschiedlichen „Technological Frames“ prägen damit auch den Dialog im Board. Sie beeinflussen, welche Fragen auf die Agenda kommen, welche Zusammenhänge hergestellt werden und wo Handlungsbedarf gesehen wird. Der im Gespräch konstruierte Problemraum ist deshalb nicht notwendigerweise identisch mit den zugrunde liegenden Problemdynamiken. Manche Beziehungen werden sichtbar, andere bleiben außerhalb des gemeinsamen Aufmerksamkeitsfeldes.

Damit verschiebt sich die Governance-Frage. Es geht nicht nur darum, was ein Board über Cybersecurity weiß, sondern auch darum, welche Zusammenhänge durch seine Art des Beobachtens und Diskutierens überhaupt sichtbar werden.

Von Einzelwahrnehmungen zu dynamischen Mustern

Das Forschungsprojekt verbindet dafür mehrere methodische Perspektiven. Auf qualitative Interviews und die Rekonstruktion unterschiedlicher Interpretationsrahmen folgt eine Modellierung mit System Dynamics. Wiederkehrende Aussagen werden als mögliche Rückkopplungen, Verzögerungen und indirekte Wirkungen betrachtet. Anschließend wird überprüft, inwieweit daraus abgeleitete Governance-Interventionen mit den Erfahrungen weiterer Boardmitglieder resonieren.

Diese Verbindung erwies sich auch für die Diskussion im SynergyLab als besonders interessant. Denn mit ihr lässt sich der Blick von einzelnen Maßnahmen auf deren Entwicklung über die Zeit erweitern.

Ein einfaches Beispiel liefert der bekannte Systemarchetyp „Fixes that Fail“. Nach einem Cybervorfall kann eine kurzfristige Maßnahme den unmittelbaren Problemdruck reduzieren. Gerade dieser Erfolg kann jedoch dazu führen, dass grundlegendere Probleme nicht weiterbearbeitet werden. Sie bleiben bestehen und erzeugen zu einem späteren Zeitpunkt erneut Druck. Eine lokal plausible Entscheidung kann damit langfristig Teil einer problematischen Dynamik werden.

Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr nur: War die einzelne Entscheidung sinnvoll? Sondern: Welche Rückkopplungen setzt sie im Gesamtsystem in Gang?

Was ist gute Cybersecurity-Governance?

Die anschließende Befragung von Boardmitgliedern zeigt ein differenziertes Bild. Einige Praktiken erfahren breite Zustimmung und geringe Kontroversität – beispielsweise Cybersecurity-Expertise auf Board-Ebene, kollektive Diskussion oder das systematische Lernen aus Vorfällen.

Bei anderen Ansätzen unterscheiden sich die Erfahrungen stärker. Dazu zählen beispielsweise proaktives Agenda-Setting, kontinuierliches Lernen im Board, der Austausch mit Mitgliedern anderer Boards oder die konsequente Unterscheidung strategischer und operativer Cyberthemen. Gerade diese Streuung ist analytisch interessant: Eine Governance-Praxis kann als grundsätzlich sinnvoll gelten, ohne bereits kollektiv verankert oder im Alltag stabil umgesetzt zu sein.

Damit wird sichtbar, dass Governance nicht allein aus formalen Regeln besteht. Sie entwickelt sich auch aus gemeinsamen Deutungen, Gesprächspraktiken und Lernprozessen.

Governance als Sichtbarkeitsproblem

In der Diskussion mit den Teilnehmenden wurde dieser Gedanke weitergeführt. Board-Gespräche finden nicht in einem neutralen Raum statt. Rollen, Verantwortlichkeiten, Machtverhältnisse, regulatorische Anforderungen und Vertraulichkeit bestimmen mit, was gesagt werden kann, welche Fragen vertieft werden und welche Themen möglicherweise unausgesprochen bleiben.

Damit stellt sich eine für die Kybernetik besonders interessante Frage: Wie können wir nicht nur ein System beobachten, sondern auch beobachten, was das System selbst sehen kann – und was nicht?

Die im Vortrag entwickelte Perspektive fasst dies als „Visibility of Dynamic Governance Mechanisms“. Feedback, Verzögerungen, Akkumulation und indirekte Wirkungen müssen nicht nur vorhanden sein; sie müssen für die Beteiligten als Zusammenhänge erkennbar werden, damit sie Gegenstand bewusster Governance sein können.

Daraus entstand im SynergyLab eine weitergehende Überlegung: Kollektive Entscheidungsfähigkeit setzt nicht zwingend voraus, dass alle Beteiligten dieselbe Perspektive einnehmen. Sie benötigt aber Möglichkeiten, unterschiedliche Wahrnehmungen in gemeinsame Repräsentationen des Problemraums zu überführen.

Cybersecurity – und darüber hinaus

Gerade darin liegt die Anschlussfähigkeit des Themas weit über Cybersecurity hinaus. Viele heutige Governance-Herausforderungen weisen ähnliche Eigenschaften auf: Ursachen und Wirkungen liegen zeitlich auseinander, Verantwortlichkeiten verteilen sich auf unterschiedliche Akteure, Interventionen erzeugen Nebenwirkungen und wesentliche Zusammenhänge sind nicht unmittelbar messbar.

Cybersecurity wird damit zu einem exemplarischen Fall für die Frage, wie Organisationen unter hoher Komplexität handlungs- und entscheidungsfähig bleiben können.

Der Vortrag mündete entsprechend in drei Thesen: Governance ist auch ein Sichtbarkeitsproblem; mehr Information schafft nicht automatisch mehr Sichtbarkeit; und kollektive Entscheidungsfähigkeit erfordert gemeinsame Repräsentationen von Dynamik.

Die daraus abgeleitete Leitfrage dürfte viele Teilnehmende über den Abend hinaus begleiten:

Wie können wir Entscheidungsräume so gestalten, dass verborgene Dynamiken kollektiv sichtbar und diskutierbar werden?

SynergyLab: Wissenschaft und Praxis im offenen Austausch

Das SynergyLab – Forum für intelligente Organisation der GWS e.V. schafft einen Raum, in dem solche Fragen bewusst nicht nur aus einer wissenschaftlichen oder einer praktischen Perspektive betrachtet werden. Nach einem Impulsvortrag steht der offene Austausch im Mittelpunkt: Teilnehmende bringen Erfahrungen aus Organisationen, Forschung und Beratung ein, hinterfragen Konzepte und entwickeln gemeinsam neue Perspektiven. Dieses Zusammenspiel von Wissenschaft, Praxis und systemischem Denken gehört zum Grundgedanken des Formats.

Wer sich für Kybernetik, Systemdenken, intelligente Organisationen, Governance oder kollektive Entscheidungsfähigkeit interessiert, ist herzlich eingeladen, an einem der kommenden SynergyLab-Gespräche teilzunehmen und eigene Erfahrungen und Fragen in die Diskussion einzubringen.

Weitere Informationen und kommende Termine: SynergyLab.space

Wiener-2001

Stafford Beer weiterdenken – Rückblick auf das Jubiläums-Symposium in Stuttgart

Von Management-Kybernetik und Viabilität bis zu KI, hybriden Organisationen und gesellschaftlicher Resilienz

Wie aktuell ist Stafford Beer einhundert Jahre nach seiner Geburt? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Jubiläums-Symposiums „100 Jahre Stafford Beer – Gestaltung, Governance und Dynamik in komplexen Organisationen“, das die Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialkybernetik (GWS) e.V. gemeinsam mit der Universität Stuttgart am 24. September 2026 veranstaltete.

Rund 20 Teilnehmende aus Wissenschaft und Praxis kamen zusammen, um Beers Werk nicht nur historisch zu würdigen, sondern danach zu fragen, was seine Management-Kybernetik heute für die Gestaltung von Organisationen leisten kann. Drei Keynotes und vier Kurzimpulse spannten einen weiten Bogen: von persönlichen Erinnerungen an Stafford Beer über drei Jahrzehnte praktischer Arbeit mit dem Viable System Model (VSM) bis hin zu neuen Fragestellungen rund um Künstliche Intelligenz und hybride Managementsysteme.

Gerade der überschaubare Kreis erwies sich dabei als Stärke. Die Diskussionen beschränkten sich nicht auf die vorgesehenen Programmpunkte. Bereits in den Pausen entstanden intensive Gespräche zwischen Referierenden und Teilnehmenden; am Nachmittag mündete dies in eine offene gemeinsame Abschlussdiskussion, an der sich praktisch alle Beteiligten einbrachten.

Stafford Beer als lebendige Tradition

Den Auftakt machte Prof. em. Dr. Markus Schwaninger mit einer biografischen und fachlichen Einordnung Stafford Beers. Besonders eindrücklich war dabei die persönliche Perspektive: Schwaninger konnte aus eigener Begegnung mit Beer berichten und davon, wie dieser seine damals neuartigen Ideen vermittelte und Menschen für kybernetisches Denken begeisterte. Zur Sprache kamen auch Beers spätere Lebensjahre und seine künstlerische Tätigkeit sowie die Verbindung zwischen seinem Denken und der St. Galler Management-Kybernetik.

Damit wurde bereits zu Beginn deutlich: Stafford Beer lässt sich kaum auf das Viable System Model reduzieren. Hinter dem Modell steht eine umfassendere Vorstellung davon, wie Organisationen mit Komplexität umgehen können – durch geeignete Rückkopplungen, differenzierte Autonomie, rekursive Strukturen und eine Organisation der notwendigen Varietät.

Schwaninger berichtete darüber hinaus von internationalen Aktivitäten rund um Beers 100. Geburtstag, die zeigen, dass die Auseinandersetzung mit seinem Werk weit über den deutschsprachigen Raum hinaus fortgeführt wird. Das Jubiläum ist damit weniger Endpunkt einer historischen Würdigung als Anlass für eine erneute Beschäftigung mit den Fragen, die Beer gestellt hat.

Vom Modell zur organisationalen Praxis

Diese Perspektive nahm Patrick Hoverstadt in seiner Keynote konsequent praktisch auf. Sein Beitrag beruhte auf rund drei Jahrzehnten Erfahrung mit Management-Kybernetik und dem VSM in Organisationsberatung und -gestaltung. Er zeigte, wie Beers Konzepte in der Praxis für Organisationsdiagnose, Design, Governance und Transformation genutzt und mit anderen systemischen Methoden verbunden werden können.

Dabei wurde ein zentraler Aspekt besonders sichtbar: Das VSM ist kein Organigramm und kein abstraktes Schema, das einer bestehenden Organisation lediglich übergestülpt wird. Sein Wert liegt vielmehr darin, Fragen nach Entscheidungsfähigkeit, Verantwortungsverteilung, Koordination und Anpassungsfähigkeit systematisch zu stellen. Hoverstadts Beispiele machten deutlich, dass Beers Konzepte gerade dann produktiv werden, wenn sie in eine für Führungskräfte und Mitarbeitende verständliche Gestaltungspraxis übersetzt werden.

Diese Verbindung von VSM und konkreter Organisationspraxis griff später auch Carola Ritzinger-Roll in ihrem Kurzimpuls auf. Am Beispiel eines mittelständischen Maschinenbauunternehmens zeigte sie, wie das VSM mit Lean- und Qualitätsmanagement verbunden werden kann. In einem Umfeld hoher Variantenvielfalt, regulatorischer Anforderungen und technologischer Dynamik dient das VSM dabei als übergeordneter Bezugsrahmen, während etablierte Managementinstrumente konkrete Rückkopplungs-, Lern- und Steuerungsfunktionen operationalisieren.

Gerade diese unterschiedlichen Beispiele unterstrichen eine gemeinsame Linie des Symposiums: Management-Kybernetik gewinnt ihren Wert nicht dadurch, dass Organisationen möglichst sichtbar „nach VSM“ aussehen. Entscheidend ist, ob kybernetische Prinzipien dazu beitragen, Organisationen tatsächlich lebens-, lern- und anpassungsfähiger zu machen.

Gesundheitswesen und KI: neue Anwendungsfelder für kybernetisches Denken

Einen weiteren Perspektivwechsel brachte die Keynote von Dr. Matvei Tobman. Als Mediziner, Chirurg und Risikomanager näherte er sich dem VSM aus der praktischen Erfahrung komplexer Gesundheitseinrichtungen.

Ausgangspunkt waren strukturelle und prozessuale Probleme in Krankenhäusern. Die von Beer verwendete Analogie zwischen Organisation und Nervensystem bot dabei einen anschaulichen Zugang, auch wenn die neurophysiologischen Vorstellungen aus heutiger Sicht weiterentwickelt worden sind. Entscheidender war die Frage, wie Krankenhausorganisationen als zusammenhängende Systeme analysiert werden können und wo typische Dysfunktionen ihre Lebensfähigkeit beeinträchtigen.

Von hier führte Tobman unmittelbar zur Künstlichen Intelligenz. Anstatt einzelne KI-Anwendungen isoliert einzuführen, schlug er vor, zunächst die systemischen Funktionen und Problemfelder der Organisation zu analysieren. So können beispielsweise Anwendungen für Dokumentation, Diagnostik, Logistik oder Patientensteuerung danach beurteilt werden, welche Funktion sie im Gesamtsystem tatsächlich unterstützen – und ob ihre Einführung möglicherweise neue Ungleichgewichte erzeugt.

Damit berührte sein Vortrag eine Frage, die an mehreren Stellen des Symposiums wiederkehrte: Soll Technologie bestehende Organisationsstrukturen lediglich effizienter machen – oder müssen wir zunächst fragen, welche Organisations- und Entscheidungsarchitektur überhaupt benötigt wird?

Managementarchitekturen für Menschen und intelligente Agenten

Genau an dieser Stelle setzte der Kurzimpuls von Prof. Dr. Christian Abegglen zu „Agentonomics“ an. Der Ansatz fragt nicht primär danach, welche Managementaufgaben durch KI automatisiert werden können. Ausgangspunkt ist vielmehr die Managementarchitektur selbst.

Wenn Menschen und intelligente Agenten künftig gemeinsam Managementleistungen erbringen, müssen Managementwissen, Rollen, Mandate, Entscheidungsrechte, Kontrollpunkte und Lernprozesse so expliziert werden, dass daraus eine gemeinsame Architektur entstehen kann.

Daraus folgt eine bemerkenswerte Umkehrung der heute häufig technikgetriebenen Diskussion: Nicht die jeweils verfügbare KI-Technologie sollte bestimmen, wie Management organisiert wird. Vielmehr sollte die Managementarchitektur festlegen, welche intelligenten Systeme mit welchen Rollen, Entscheidungsrechten und Governance-Strukturen sinnvoll eingesetzt werden.

Agentonomics knüpft hierfür an die systemorientierte St. Galler Managementtradition an und versteht Unternehmen als offene, komplexe und entwicklungsfähige Systeme. Das Ziel ist ausdrücklich nicht eine vollständige Automatisierung des Managements, sondern die Gestaltung hybrider Managementsysteme, in denen menschliche und maschinelle Fähigkeiten verantwortbar zusammenwirken.

In dieser Perspektive liegt eine interessante Verbindung zu Beer: Auch hier geht es letztlich darum, mit wachsender Varietät umgehen zu können und Entscheidungs-, Kommunikations- und Lernfähigkeit in komplexen Systemen zu organisieren.

Das VSM weiterdenken – und den Blick über die Organisation hinaus richten

Die weiteren Kurzimpulse erweiterten diese Diskussion.

Roman Lelekov fragte nach einem allgemeineren ontologischen Rahmen für das Viable System Model. Im Mittelpunkt standen unter anderem die Unterscheidung zwischen organisationalen Funktionen und ihrer konkreten Realisierung sowie die Frage, wie Rekursion und Viabilität unter unterschiedlichen Bedingungen konzeptionell gefasst werden können. Damit wurde das VSM selbst zum Gegenstand der Reflexion: nicht als abgeschlossenes Modell, sondern als Ausgangspunkt für weitere theoretische Klärung.

Dr. Peter Kinne weitete den Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge. In seinem Beitrag stellte er zur Diskussion, welchen Beitrag systemwissenschaftliches Denken und Organisationen zur gesellschaftlichen Resilienz und zu demokratischer Verständigung leisten könnten. Dabei hob er insbesondere Organisationen als Orte hervor, an denen Menschen Wissen, Erfahrungen, Werte und soziale Praktiken entwickeln und austauschen. Dies verband er mit der Frage, wie Organisationen selbst resilient und zukunftsfähig gestaltet werden können. Diese Perspektive war als Impuls für die Diskussion angelegt und verband organisationale Kybernetik mit weiterreichenden gesellschaftlichen Fragestellungen.

Von der Jubiläumsveranstaltung zum gemeinsamen Dialog

Für den Nachmittag war ursprünglich ein World Café vorgesehen. Der intensive Austausch im Verlauf des Tages führte jedoch dazu, dass darauf verzichtet und die verfügbare Zeit stattdessen für eine gemeinsame offene Abschlussdiskussion genutzt wurde.

Das erwies sich als passend für den Charakter der Veranstaltung. Keynote-Speaker, Impulsgeber und Teilnehmende brachten Erfahrungen, Fragen und zum Teil auch unterschiedliche Einschätzungen unmittelbar in das Gespräch ein. Die Diskussion setzte damit genau dort an, wo viele Beiträge des Tages zusammenliefen: bei der Frage, wie Organisationen unter Bedingungen zunehmender Komplexität entscheidungsfähig bleiben können – und welche Rolle kybernetisches Denken dabei heute noch spielen kann.

Eine abschließende Antwort gab es nicht – und vielleicht war gerade das angemessen. Das Symposium zeigte vielmehr, dass Stafford Beers Werk auch einhundert Jahre nach seiner Geburt ein produktiver Ausgangspunkt für sehr unterschiedliche Fragen bleibt: von Organisationsdesign und Governance über Gesundheitswesen und Industrie bis hin zu KI, hybriden Managementsystemen und gesellschaftlicher Resilienz.

Stafford Beer weiterzudenken bedeutet damit nicht, seine Modelle unverändert in die Gegenwart zu übertragen. Es bedeutet, seine grundlegenden Fragen nach Viabilität, Varietät, Autonomie, Koordination und Lernfähigkeit unter heutigen Bedingungen neu zu stellen.

Weitere Informationen zu den Vorträgen, Kurzimpulsen und Referierenden sowie Impressionen des Symposiums finden Sie auf der Archivseite der Veranstaltung. Ausgewählte Präsentationen können mit Zustimmung der jeweiligen Vortragenden auf Anfrage über die GWS zur Verfügung gestellt werden.

Wiener-2001

Rückblick auf das 11. SynergyLab: Lebensfähige Governance in komplexen Organisationen

Am 28. Juli 2026 hielt GWS-Mitglied Carola Ritzinger-Roll den Impulsvortrag im 11. SynergyLab der GWS. Unter dem Titel „From Viability to Measurability: Lebensfähige Gestaltung von Governance in hochkomplexen, dynamischen und regulierten Organisationskontexten“ zeigte sie, wie kybernetische Prinzipien in einem mittelständischen Maschinenbauunternehmen praktisch eingesetzt werden können.

Im Mittelpunkt stand die Verbindung des Viable System Model (VSM) mit Lean Management, Qualitätsmanagement und betrieblichen Kennzahlen. Anhand konkreter Erfahrungen wurde deutlich, dass Komplexität nicht allein aus der technischen Schwierigkeit eines Auftrags entsteht. Auch regulatorische Vorgaben, Dokumentationspflichten, Zertifizierungen, Projektumfang und unterschiedliche fachliche Perspektiven wirken zusammen.

Das Unternehmen nutzt das VSM als organisatorischen Bezugsrahmen, um Verantwortlichkeiten, Rückkopplungsschleifen, Eskalationswege und strategische Entwicklung systematisch zu gestalten. Ergänzend wurden unterschiedliche Komplexitätsstufen für Projekte entwickelt. Langfristige Unternehmensdaten sollen nun dazu beitragen, die Lebensfähigkeit und Wirksamkeit der Organisationsgestaltung auch empirisch besser zu erfassen.

In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um die Grenze zwischen beherrschbarer Komplexität und Chaos, um die Erkennung verborgener Muster durch Datenanalyse und Künstliche Intelligenz sowie um die Frage, wie kybernetische Modelle erfolgreich in Organisationen eingeführt werden können. Als wesentliche Erfahrung wurde festgehalten: Statt zu lange nach einem perfekten Ausgangsmodell zu suchen, sollten Organisationen frühzeitig modellieren, die Beteiligten einbeziehen und ihre Strukturen iterativ weiterentwickeln.

Wir danken Carola Ritzinger-Roll herzlich für die fundierten Einblicke in die praktische Anwendung kybernetischer Organisationsmodelle und allen Teilnehmenden für den engagierten Austausch.

Ausblick

Das nächste SynergyLab ist für den 30. September 2026 geplant. Prof. Dr. Laura Georg Schaffner (Univ. Straßburg) spricht zum Thema: „Verborgene Dynamiken sichtbar machen: Kollektive Entscheidungsfähigkeit in komplexen Problemräumen“

Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung auf dieser Webseite.

Sven-Volker Rehm

Rückblick auf das 9. SynergyLab: Kybernetik in der Unternehmenssanierung

Am 20. Mai 2026 fand das 9. Online-Gespräch im Rahmen des SynergyLab – Forum für intelligente Organisation der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialkybernetik e.V. statt. Mit 20 Teilnehmenden erreichte das Format wieder eine schöne Resonanz. Im Mittelpunkt stand der Vortrag von Dr. Werner Boysen zum Thema:

„Momente für kybernetische Überlegungen bei der Sanierung eines mittelständischen Automobilzulieferers“

Dr. Boysen stellte anhand eines konkreten Sanierungsprojekts bei der Carl Stahl Technical Webbings GmbH, einem Hersteller von Automotive-Sicherheitsgurtband mit Sitz in Herbrechtingen auf der Schwäbischen Alb, dar, wie kybernetisches und systemisches Denken in der Unternehmenspraxis wirksam werden kann. Das Unternehmen hatte er in den Jahren 2024/2025 in einem Restrukturierungs- und Transformationsprozess begleitet.

Kybernetik als praktische Führungs- und Denkdisziplin

Ein zentrales Anliegen des Vortrags war es, die verbreitete Annahme zu hinterfragen, Kybernetik sei vor allem eine abstrakte Wissenschaft ohne unmittelbaren Praxisbezug. Gerade in Restrukturierungs- und Transformationsprozessen, so wurde im Vortrag deutlich, zeigt sich der praktische Wert kybernetischer Perspektiven besonders klar: Viele Aktivitäten laufen parallel, bedingen sich gegenseitig, erzeugen Rückkopplungen und entfalten ihre Wirkungen oft zeitverzögert.

Dr. Boysen verdeutlichte, dass Unternehmenskrisen selten auf einzelne Ursachen zurückzuführen sind. Vielmehr entstehen sie häufig aus einem komplexen Zusammenspiel von Marktbedingungen, Eigentümerstrukturen, Finanzierungsfragen, Führungsverhalten, Kundenabhängigkeiten und organisationalen Routinen. Aus kybernetischer Sicht geht es daher nicht nur darum, einzelne Symptome zu behandeln, sondern die zugrunde liegenden Wirkungszusammenhänge zu erkennen.

Krisen als systemische Verflechtung

Im vorgestellten Fall wurde sichtbar, wie sich verschiedene Dynamiken gegenseitig verstärkten. Dazu gehörten unter anderem eine starke Abhängigkeit von einem Hauptkunden, eingeschränkte strategische Handlungsspielräume, eine blockierte Eigentümerstruktur sowie operative und finanzielle Belastungen. Diese Elemente wirkten nicht isoliert, sondern stabilisierten gemeinsam eine kritische Gesamtsituation.

Besonders anschaulich wurde, dass Organisationen in Krisen nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kommunikativ und entscheidungsbezogen unter Druck geraten. Wenn Rückkopplungen fehlen, wenn strategischer Diskurs abbricht oder wenn Verantwortung zu stark zentralisiert wird, verliert eine Organisation zunehmend ihre Fähigkeit, sich selbst wirksam zu beobachten und anzupassen.

Feedback, Verantwortung und Handlungsspielräume

Ein wiederkehrendes Thema des Vortrags war die Bedeutung von Feedback. Stabilität entsteht in komplexen Organisationen nicht allein durch Kontrolle, Vorgaben oder Reporting, sondern durch lernfähige Rückkopplungsprozesse. Entscheidungen müssen auf ihre Wirkungen im Gesamtsystem hin beobachtet und angepasst werden können.

Damit verbunden war die Frage nach Verantwortung und Selbstorganisation. Dr. Boysen zeigte, dass in einer Sanierung nicht alles zentral gesteuert werden kann. Gerade wenn Führung zeitlich begrenzt, interimistisch oder unter hohem Druck erfolgt, müssen operative Verantwortung, Problemlösungskompetenz und Aufmerksamkeit für das Ganze breiter in der Organisation verteilt werden. Kybernetisch betrachtet entsteht Handlungsfähigkeit dort, wo relevante Informationen wahrgenommen, geteilt und in abgestimmtes Handeln übersetzt werden können.

Möglichkeiten erweitern statt nur Schäden begrenzen

Ein besonders prägnanter Gedanke des Vortrags war die Bezugnahme auf Heinz von Foersters Prinzip, so zu handeln, dass sich die Anzahl der Möglichkeiten erhöht. In einer Unternehmenskrise liegt der Fokus häufig auf Stabilisierung, Liquiditätssicherung und Risikobegrenzung. Der Vortrag zeigte jedoch, dass nachhaltige Sanierung auch bedeutet, neue Zukunftsoptionen aktiv zu erzeugen.

Im dargestellten Fall geschah dies unter anderem durch die Öffnung neuer Markt- und Kundenperspektiven. Damit wurde deutlich: Resilienz entsteht nicht nur durch Absicherung, sondern auch durch die Fähigkeit, neue Beziehungen, neue Sichtbarkeiten und neue Handlungsmöglichkeiten hervorzubringen.

Diskussion im SynergyLab

In der anschließenden Diskussion wurde die praktische Relevanz kybernetischer Ansätze von den Teilnehmenden breit aufgegriffen. Besonders hervorgehoben wurde, dass kybernetisches Denken in der Unternehmenspraxis häufig bereits wirksam ist, auch wenn es nicht ausdrücklich so bezeichnet wird. Begriffe wie Rückkopplung, Varietät, Abhängigkeit, Selbstorganisation, strategischer Diskurs und Resilienz erwiesen sich als hilfreiche Konzepte, um komplexe Transformationsprozesse besser zu verstehen.

Der Austausch machte zudem deutlich, dass Kybernetik für moderne Führungsfragen hochaktuell bleibt. In dynamischen Umwelten, unter Unsicherheit und bei hoher Stakeholder-Komplexität reicht lineares Planungs- und Steuerungsdenken nicht aus. Organisationen müssen vielmehr lernen, Wechselwirkungen zu erkennen, Rückmeldungen aufzunehmen, verschiedene Interessen zu moderieren und ihre eigenen Handlungsspielräume fortlaufend zu erweitern.

Fazit

Der Vortrag von Dr. Werner Boysen zeigte eindrucksvoll, dass Kybernetik keine theoretische Randdisziplin ist, sondern einen konkreten Orientierungsrahmen für Führung, Transformation und Unternehmenssanierung bieten kann. Gerade in Krisensituationen wird sichtbar, wie wichtig es ist, Organisationen als lebende soziale Systeme zu verstehen, die auf Rückkopplung, Anpassungsfähigkeit und koordinierte Verantwortung angewiesen sind.

Die GWS dankt Dr. Werner Boysen herzlich für den offenen und praxisnahen Einblick sowie allen Teilnehmenden für die engagierte Diskussion. Der Abend hat erneut gezeigt, welches Potenzial im SynergyLab liegt: wissenschaftliche Konzepte, praktische Erfahrungen und gemeinsame Reflexion miteinander ins Gespräch zu bringen.

Das nächste SynergyLab wird am 17. Juni 2026 stattfinden. Weitere Informationen dazu finden Sie auf dieser Website.

Wiener-2001

Rückblick: Frederic Vester heute – Sensitivitätsmodell im Dialog

Das GWS-Online-Event „Frederic Vester heute“ brachte 32 Teilnehmende aus Wissenschaft und Praxis zusammen, um die Aktualität und Weiterentwicklung von Vesters systemischem Denken zu diskutieren.

Im Zentrum stand das Sensitivitätsmodell als methodischer Zugang zur Analyse komplexer Systeme. In ihrer Keynote zeigte Gabriele Harrer-Puchner eindrücklich, wie das Modell in verschiedenen Anwendungsfeldern – insbesondere im Kontext von Nachhaltigkeit und Transformation – praktisch eingesetzt wird und welche Stärken es in der Strukturierung komplexer Zusammenhänge entfaltet.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass Vesters Ansatz weiterhin eine wichtige Orientierungsfunktion erfüllt, zugleich aber auch Fragen nach methodischer Weiterentwicklung, empirischer Fundierung und Integration mit neueren Ansätzen (z. B. System Dynamics, simulationsbasierte Modelle) aufwirft. Die Beiträge von Thomas Göllinger, Falko Wilms und Andreas Größler erweiterten diese Perspektive um aktuelle theoretische und methodische Überlegungen.

Deutlich wurde insgesamt, dass das Sensitivitätsmodell weniger als abgeschlossenes Instrument zu verstehen ist, sondern als offene, anschlussfähige Denk- und Arbeitsweise, deren Potenzial insbesondere im Zusammenspiel mit heutigen Methoden liegt und die eine reflektierte Einbettung in konkrete Problemkontexte erfordert.

Das Event hat gezeigt, dass systemisches Denken im Sinne Vesters nichts an Relevanz verloren hat – im Gegenteil: Es bietet weiterhin eine tragfähige Grundlage, um mit der wachsenden Komplexität heutiger Entscheidungs- und Transformationsprozesse umzugehen.

Ein nächster Anlass zur Vertiefung systemischer und kybernetischer Perspektiven bietet sich bereits im Herbst: Am 24. September 2026 ist an der Universität Stuttgart ein Symposium anlässlich des 100. Geburtstages des Management-Kybernetikers Stafford Beer geplant.

Über weitere Veranstaltungen und Entwicklungen rund um systemisches Denken und Kybernetik halten wir Sie hier auf dem Laufenden.

Wiener-2001

Neue Veröffentlichung in MIS Quarterly Executive: Kybernetische Perspektiven auf kollektive Intelligenz in Digitalen Plattform-Ökosystemen

Wir freuen uns, auf eine neue Veröffentlichung unseres Vorstandsmitglieds Dr. Sven-Volker Rehm in der renommierten Zeitschrift MIS Quarterly Executive hinzuweisen:
📝 „Turning Tacit Knowledge into Dynamic Strategies Through Collective Inferencing“
Zum Artikel (open access)

Die im Artikel vorgestellte Methode des Collective Inferencing (CI) ist mehr als nur ein neues Werkzeug zur datenbasierten Strategieentwicklung in digitalen Plattformökosystemen – sie steht exemplarisch für einen modernen, kybernetischen Zugang zur Organisationsgestaltung.

Im Zentrum der Methode steht die Frage: Wie kann in komplexen, verteilten sozialen Systemen kollektives Wissen so strukturiert werden, dass daraus handlungsfähige, adaptive Entscheidungsstrategien entstehen?
Die Antwort liegt in einem mehrstufigen Verfahren, das qualitative Aussagen, Erfahrungswissen und implizite Schlussfolgerungen („tacit knowledge“) systematisch extrahiert, analysiert und modelliert. Dabei kommt eine generative KI nur zur Unterstützung der semantischen Rekonstruktion zum Einsatz – die Steuerung des Modells bleibt in menschlicher Hand. Es entsteht ein dynamisches Entscheidungsmodell, das Rückkopplungen, Pfadabhängigkeiten und multiple Perspektiven integriert.

Aus kybernetischer Sicht eröffnet die Methode einen wichtigen Weg, um in dynamischen Umwelten (sog. „adaptive landscapes“) die Viabilität von Organisationen zu sichern:

  • Sie fördert die strukturelle Kopplung von Teilperspektiven durch modulare Repräsentation von Entscheidungsfeldern.
  • Sie operationalisiert Ashbys Law of Requisite Variety durch die explizite Erfassung von Entscheidungskomplexität.
  • Sie unterstützt rekursive Lern- und Steuerungsprozesse durch die Simulation möglicher Strategien in kollektiven Entscheidungskontexten.

Das Fallbeispiel im Artikel bezieht sich auf die cplace-Plattform und ihr Ökosystem, das von der collaboration Factory GmbH in München aufgebaut wurde. Die dort gewonnenen Erkenntnisse zeigen, wie aus heterogenem Erfahrungswissen konkrete Handlungsoptionen für Governance, Innovation und Plattformentwicklung abgeleitet werden können.

Die Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialkybernetik e.V. gratuliert herzlich zur Publikation und lädt zur Diskussion über das Potenzial solcher Ansätze für moderne Steuerungsmodelle ein.

📌 Kontakt und Austausch jederzeit willkommen – ob zur Methode, zur Anwendung oder zur Weiterentwicklung im Sinne kybernetischen Denkens!

Wiener-2001

Rückblick: Online-Event „100 Jahre Frederic Vester – Denken in vernetzten Wirkungsgefügen“

Am 28. November 2025 fand das GWS-Event zum 100. Geburtstag von Prof. Dr. Frederic Vester (1925–2003) statt. Rund 20 Teilnehmende – zur Hälfte Mitglieder der GWS und zur Hälfte externe Interessierte – nahmen an dieser Online-Veranstaltung teil, die dem Werk und der Aktualität dieses prägenden Systemdenkers gewidmet war.

Nach einer kurzen Begrüßung durch den Vorstandsvorsitzenden der GWS, Dr. Sven-V. Rehm, der die GWS als Forum für systemisches und kybernetisches Denken vorstellte, eröffnete Prof. Dr. Thomas Göllinger (HTWG Konstanz) den Nachmittag mit einem Impulsvortrag zu Vesters Lebensweg und seinem Beitrag zur biologischen Kybernetik, zu Nachhaltigkeit und zu frühen Formen systemwissenschaftlicher Bildung. Er erinnerte an Vesters Rolle als Wissenschaftler, Filmemacher und Autor sowie an seine Pionierarbeit mit dem SBU-Institut in München .

Anschließend zeigte Prof. Dr. Falko Wilms (FHV Vorarlberg) die Bedeutung von Vesters Ansätzen für Entscheidungsprozesse in komplexen Situationen. Er erläuterte zentrale Elemente des Sensitivitätsmodells – von der Variablenliste bis zur Einflussmatrix – und diskutierte Optionen, dieses Modell stärker auf Maßnahmenentwicklung auszurichten und bei Bedarf auch ohne Simulation nutzbar zu machen.

In einer kurzen interaktiven Umfrage zeigte sich, dass zwar über 80% der Teilnehmenden vernetztes Denken als wichtigsten Bezugspunkt zu Vester sehen, während etwa ein Fünftel angaben, ihm bislang kaum begegnet zu sein. Anschließend stellte Thomas Göllinger den neuen Jubiläumsband „Systemisch-vernetztes Denken und Sustainability-Transformation“ (Springer, 2025) vor.

Die abschließende Diskussion thematisierte unter anderem die Rolle systemischen Denkens in der Bildung, die Herausforderungen interdisziplinärer Zusammenarbeit sowie Grenzen und Potenziale partizipativer Modellierungsprozesse. Beiträge von Prof. Dr. Schwaninger (Univ. St. Gallen) und weiteren Teilnehmenden hoben hervor, dass systemisches Denken eine Haltung sei, die weit über technische Werkzeuge hinausreiche und gerade in Transformationskontexten wichtige Orientierung biete .

Wir bedanken uns herzlich bei Prof. Dr. Thomas Göllinger und Prof. Dr. Falko Wilms für ihre Impulsvorträge und Beiträge sowie bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für ihr Interesse, ihre Fragen und die anregende Diskussion. Die Vielfalt der Perspektiven hat eindrucksvoll gezeigt, wie lebendig und relevant Vesters Denken auch heute noch ist.

Wir laden Sie schon jetzt herzlich ein, auch beim Folge-Event im Frühjahr 2026 dabei zu sein, in dem wir die Anwendung und Weiterentwicklung des Sensitivitätsmodells in Forschung und Praxis weiter vertiefen werden.
Weitere Informationen folgen in Kürze auf dieser Website und über unsere LinkedIn-Kanäle.

Wiener-2001

6. SynergyLab der GWS e.V. – Zwei Wege zur Systemanalyse: Frederic Vester und System Dynamics

Am 29. Oktober 2025 fand das sechste SynergyLab der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialkybernetik (GWS e.V.) statt. Im Zentrum stand ein Impulsvortrag von Prof. Dr. Andreas Größler (Universität Stuttgart) unter dem Titel „Zwei Wege zur Systemanalyse – Frederic Vester und System Dynamics“. Die Diskussion wurde moderiert von Dr. Sven-Volker Rehm.

Prof. Größler stellte in seinem Vortrag die beiden prägenden Ansätze systemischer Analyse gegenüber – das kybernetische Denken Frederic Vesters und die System Dynamics-Methode nach Jay W. Forrester. Beide beruhen auf der Idee zirkulärer Kausalität, unterscheiden sich jedoch in Formalisierungsgrad, Anwendungsfokus und Zugang zur Verständigung über komplexe Systeme.

Vester zielte auf qualitative und anschauliche Zugänge zur Systembetrachtung ab. Seine Sensitivitätsmodelle fördern das gemeinsame Nachdenken über Zusammenhänge und Rückkopplungen – insbesondere in interdisziplinären Gruppen. System Dynamics hingegen bietet einen quantitativen, experimentellen Zugang, um Hypothesen über Systemverhalten zu prüfen und Politikmaßnahmen zu simulieren.

In der Diskussion zeigte sich, dass beide Ansätze komplementär sind. Vesters Methoden ermöglichen Verständigung und Beteiligung, System Dynamics vertieft die analytische Durchdringung. Zusammen können sie dazu beitragen, komplexe Probleme – von ökologischer Nachhaltigkeit bis zu organisatorischen Transformationsprozessen – zugleich verständlich, überprüfbar und kommunizierbar zu machen.

Das SynergyLab verdeutlichte damit, dass Kybernetik heute nicht nur historische Relevanz besitzt, sondern eine Vermittlungsdisziplin zwischen Wissenschaft, Praxis und Bildung bleibt. Die Teilnehmenden waren sich einig: Vesters Vermächtnis, komplexe Systeme erfahrbar und diskussionsfähig zu machen, ist aktueller denn je.

Zentrale Erkenntnisse:

  • Vesters und Forresters Ansätze verfolgen unterschiedliche, aber vereinbare Ziele: Lernen über Systemverhalten.
  • Systemdenken lebt von der Integration qualitativer und quantitativer Methoden.
  • Partizipation ist kein Beiwerk, sondern Teil der Modellbildung.
  • Vesters Sensitivitätsmodell eignet sich als Einstieg für komplexe Problemfelder in Bildung und Praxis.
  • Die Kombination beider Ansätze eröffnet Perspektiven für nachhaltige Entscheidungsprozesse.

Das nächste SynergyLab findet im Dezember 2025 statt – mit neuem Impuls, neuer Perspektive, neuer Gelegenheit zum Weiterdenken. Weitere Informationen finden Sie auf dieser Website und auf LinkedIn.

Weitere Informationen und Kontakt:
🔗 synergylab.space
📧 office@gws-kybernetik.org

Wiener-2001

Wirkungsgefüge, Verantwortung und Systembewusstsein – Was Vester heute lehrt

Am 23. Juli 2025 fand das 4. SynergyLab der GWS e.V. statt – erneut ein Raum für reflektierten, interdisziplinären Austausch rund um kybernetisches Denken und kollektive Intelligenz. Diesmal stand das Werk des Systemdenkers Frederic Vester im Mittelpunkt, vorgestellt und eingeordnet von Prof. Dr. Falko Wilms (Hochschule Vorarlberg).

Vester – mehr als Matrixdenken

Unter dem Titel „Wirkungsgefüge, Einflussmatrix und Schlüsselvariablen – Was Vester anders macht als seine Nachahmer“ zeigte Wilms auf, worin die Besonderheit des Vester’schen Ansatzes liegt: Nicht nur das Tool (die bekannte Einflussmatrix), sondern die dahinterliegende kybernetische Haltung, das vernetzte Denken und die Verantwortungsperspektive stehen im Zentrum.

Zentrale Impulse:

  • Wirkungsgefüge machen nicht nur Strukturen sichtbar, sondern erklären funktionale Zusammenhänge.
  • Einflussmatrizen dienen nicht der Dekoration, sondern der systematischen Bewertung von Handlungsoptionen.
  • Schlüsselvariablen helfen, das Wesentliche zu erkennen: Was wirkt stark und ist beeinflussbar?
  • Vester dachte Kybernetik als Gestaltungslehre – gegen mechanistische Steuerungsfantasien.
  • Seine Methode setzt auf Verständigung, Transparenz und Beteiligung, nicht auf technokratische Modellierung.
  • Heutige „Systemtools“ greifen zwar Begriffe auf – aber oft ohne die reflexive Tiefe.
  • Die Diskussion zeigte: Vesters Denken ist hochaktuell – gerade in Zeiten komplexer Entscheidungsdilemmata.

Offenheit trifft Tiefe

Das 4. SynergyLab war geprägt von einer erkenntnisorientierten Diskussion – mit Teilnehmern aus Systemforschung, Praxisberatung und Organisationsentwicklung. Besonders intensiv wurde über die ethische Dimension systemischer Methoden gesprochen: Wie ermöglichen wir verantwortlichere Entscheidungen in komplexen Umwelten?

Systemisches Denken weiterdenken

Die GWS versteht die SynergyLabs als lebendige Orte der Verständigung – nicht über Theorien allein, sondern über ihre Bedeutung für die Welt, in der wir handeln. Das Werk von Frederik Vester bleibt dabei eine zentrale Inspirationsquelle.

📅 Das nächste SynergyLab findet im Herbst 2025 statt – mit neuem Impuls, neuer Perspektive, neuer Gelegenheit zum Weiterdenken.

Weitere Informationen und Kontakt:
🔗 synergylab.space
📧 office@gws-kybernetik.org

Wiener-2001

Narrative, Feedback und Steuerung – Kybernetik trifft Politikgestaltung

Am 25. Juni 2025 fand das 3. SynergyLab der GWS e.V. statt – ein offenes Gesprächsformat für alle, die systemisches Denken, kollektive Intelligenz und kybernetische Perspektiven auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen vertiefen möchten. Dieses Mal war Adrian Brozek (KU Leuven) als Impulsgeber zu Gast.

Politik als komplexes System – eine kybernetische Betrachtung

Unter dem Titel „Krieg, Klima, Krankenhausreform – Eine kybernetische Betrachtung politischer Wirklichkeitskonstruktion“ eröffnete Adrian Brozek einen tiefgehenden Dialog über den Zusammenhang zwischen Narrativen, Rückkopplungseffekten und politischer Steuerung. Dabei rückte er die Frage ins Zentrum, wie sich Wirklichkeit in politischen Prozessen durch Sprache, Kommunikation und institutionelle Reaktionen konstruiert – und welche Rolle kybernetisches Denken dabei spielen kann.

Zentrale Erkenntnisse des Abends:

  • Narrative wirken nicht beiläufig, sondern strukturieren politische Realität.
  • Rückkopplung geschieht sozial: durch Meinungsbildung, Medien, Wahlergebnisse, Protest.
  • Komplexe Systeme lassen sich nicht linear steuern – es braucht reflexive, adaptive Formen der Governance.
  • Kybernetische Begriffe wie „Beobachtung zweiter Ordnung“ oder „Systemgrenze“ sind hilfreich, um politische Dynamiken mehrdimensional zu verstehen.
  • Politik ist auch Kommunikation über Handlung – wer welche Geschichten erzählt, hat Einfluss.
  • Die Grenzen von Systemen entstehen durch Diskurse, Machtverhältnisse und Wahrnehmungen.
  • Politische Steuerung muss mit Unsicherheit, Verzögerung und unvollständigem Feedback umgehen.
  • Policy-Making ist kein Umsetzungsplan, sondern ein kontinuierlicher, diskursiver Prozess.

Reger Austausch im offenen Format

In der Diskussion wurde deutlich, wie vielfältig die Perspektiven auf politische Wirklichkeit sind – von der politischen Praxis über Governance-Forschung bis hin zur Systemtheorie. Die Teilnehmenden diskutierten Fragen wie:

  • Was kann Kybernetik zur Beobachtung politischer Diskurse beitragen?
  • Wie lassen sich narrative Rückkopplungseffekte empirisch untersuchen?
  • Inwieweit sind klassische Steuerungsbilder heute noch tragfähig?

Dabei zeigte sich: Die Kybernetik bietet keinen festen Werkzeugkasten, sondern ein reflexives Denkmodell für komplexe gesellschaftliche Prozesse – mit hohem Potenzial für interdisziplinäre Kooperation.

Mehr erfahren & mitgestalten

Die SynergyLabs der GWS sind offen für alle, die systemische Ansätze in Gesellschaft, Politik und Organisationen weiterdenken möchten.
📅 Das nächste Lab findet am 23. Juli 2025 statt – mit neuen Impulsen und wieder Raum für Austausch, Perspektiven und Querdenken.

Weitere Informationen und Kontakt:
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Bildnachweis: Gedenkstunde zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 2025: Übersicht des Plenarsaals während der Begrüßungsansprache von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, CDU/CSU, MdB. Ort: Reichstagsgebäude, Plenarsaal, Berlin / Deutschland. Aufgenommen: 08. May 2025, 12:39 Uhr. Bildnummer: 5025248. Fotograf/in: Thomas Köhler / photothek. Dieses Bild darf für private und kommerzielle nicht-werbliche Zwecke genutzt werden. Die Verwendung des Bildes in sozialen Medien ist gestattet.

Sven-Volker Rehm

Zielkonflikte in der Modellierung – Wie genau ist genau genug? Das 2. SynergyLab der GWS e.V.

13 Teilnehmende aus Wissenschaft, Beratung und Praxis diskutierten im Rahmen des GWS-SynergyLab am 30. April 2025 über zentrale Spannungsfelder in der dynamischen Modellierung von Organisationen. Ausgangspunkt war ein Impulsvortrag von Prof. Dr. Andreas Größler (Universität Stuttgart) mit dem Titel:
„Lieber nicht so genau und dafür relevant? Zielkonflikte der dynamischen Modellierung in Organisationen“

Relevanz schlägt Genauigkeit?

Prof. Größler stellte die These zur Diskussion, dass Modelle nicht zwangsläufig „richtig“ sein müssen, um nützlich zu sein. Organisationale Modelle, etwa im Bereich strategischer Planung oder Policy Design, müssen oft komplexe Zusammenhänge verständlich machen – nicht bis ins letzte Detail abbilden. Dies führt zu einem grundlegenden Zielkonflikt:
Wie genau darf ein Modell sein, bevor es zu unverständlich wird – und wie ungenau darf es sein, um noch als relevant zu gelten?

Kernthemen der Diskussion

In der anschließenden offenen Gesprächsrunde wurden zahlreiche Aspekte aufgegriffen – aus methodischer, praktischer und erkenntnistheoretischer Sicht:

  • 🔄 Zielkonflikte: Modelle müssen für Entscheidungen relevant sein, aber auch nachvollziehbar bleiben. Zu viel Präzision kann abschrecken.
  • 🧠 Lernen statt Vorhersagen: Simulationen entfalten ihren größten Wert, wenn sie Verständnis fördern, nicht wenn sie exakte Prognosen liefern.
  • 👥 Beteiligung und Akzeptanz: Modellnutzung hängt stark davon ab, ob Stakeholder im Erstellungsprozess einbezogen wurden.
  • 🧩 Komplexitätsreduktion: Modelle sind immer Vereinfachungen. Die Kunst liegt darin, das Relevante zu erfassen und das Irritierende wegzulassen.
  • 🧾 Validität neu denken: Ein Modell kann auch dann nützlich sein, wenn es nicht vollständig datengestützt ist – solange es plausibel, transparent und anschlussfähig ist.

Warum dieses Gespräch wertvoll war

Die GWS versteht das SynergyLab als Denkraum: Hier treffen Menschen zusammen, die systemisches Denken nicht nur anwenden, sondern auch hinterfragen und weiterentwickeln wollen. Diese Veranstaltung zeigte eindrucksvoll:

  • wie stark Theorie und Praxis voneinander profitieren können,
  • wie produktiv das Ringen um Verständlichkeit und Wirkung ist,
  • und wie wichtig es ist, gemeinsam mit Unsicherheiten umzugehen, statt sie zu verstecken.

Interesse geweckt?

Das Thema bleibt aktuell – in der Wissenschaft, in der digitalen Transformation und in der Gestaltung von Organisationen und Politik.
📧 Kontakt: office@gws-kybernetik.org
🔗 Weitere Veranstaltungen unter: gws-kybernetik.org und synergylab.space

Carola Roll

Komplexität am Beispiel Kennzahlensysteme im Sondermaschinenbau

Komplexität – was ist das?

Der Begriff Komplexität verkommt im Businesskontext immer mehr zu einem Buzzword. Aber was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff, der sich deutlich von der umgangssprachlich oft synonym verwendeten Kompliziertheit abgrenzt? Und noch viel wichtiger: wie sieht ein erfolgreicher Umgang mit Komplexität aus?

Die Wurzeln des Begriffs finden sich im Lateinischen: “complexus” bedeutet “miteinander verflochten”.

Der Begriff Komplexität selbst hat seit den 1970er Jahren Eingang in die Umgangssprache gefunden und wird dort seither sehr undifferenziert verwendet. Es gibt unterschiedliche Ansätze und Auffassungen von Komplexität. Dies spiegelt wider, dass Komplexität subjektiv ist und vom Kontext, den Akteuren und den Beobachtern abhängt.

Hans Ulrich (1988, 2001), ehemaliger Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen, drückt sein Verständnis von Komplexität wie folgt aus: Komplexität ist die Fähigkeit eines Systems, in kurzen Zeiträumen eine große Anzahl verschiedener Zustände anzunehmen. Maschinen sind „triviale“ Systeme, deren Verhalten vorbestimmt und vorhersehbar ist. Ökologische und soziale Systeme sind komplexe, „nicht-triviale“ Systeme, deren Verhalten zu bestimmten Zeitpunkten nicht vorhersehbar ist.

Als Faustregel bedeutet Komplexität, dass ein System viele Elemente, Beziehungen und Zustände aufweist, die sich im Laufe der Zeit verändern. Diese Veränderungsmöglichkeit wird über die Varietät erfasst. Varietät ist laut Stafford Beer (1985) eine Maßzahl für Komplexität, da diese die Anzahl der möglichen Zustände eines Systems widerspiegelt.

Auch das Cynefin-Modell ist ein populärer Ansatz zur Darstellung von Komplexität im Systemkontext. Es stammt von Dave Snowden (2007), einem Unternehmensberater und Forscher aus Wales. Das Modell differenziert zwischen den vier Ausprägungen einfach, kompliziert, komplex und chaotisch (Snowden & Boone, 2007).

Diese wenigen, exemplarischen Definitionen verdeutlichen, dass der Umgang mit Komplexität kein einfaches Unterfangen ist. Jedoch kann in Annäherung an Ashby´s Law of Requisite Variety festgestellt werden, dass, je komplexer eine Situation ist, desto mehr Personen, Disziplinen und Methoden erforderlich sind, um erfolgreich mit eben dieser Situation umzugehen.

Wofür nutzt es?

Um herauszufinden, wie im Unternehmen erfolgreich mit Komplexität umgegangen werden kann, empfiehlt sich die Nutzung des Viable System Models (VSM) nach Stafford Beer. Dieses Modell orientiert sich an Informationsstrukturen, wie sie in der Natur durch Evolution geschaffen wurden. Dies stellt beispielsweise Fredmund Malik mit folgender Aussage heraus: „Komplexität zu meistern und dadurch die Logik der Evolution als Vorteil auf seiner Seite zu haben, macht das Management von und in komplexen Systemen beinahe zum Vergnügen“ (Hetzler, 2010).

In der praktischen, industriellen Anwendung bedeutet erfolgreicher Umgang mit Komplexität effektives Projektmanagement, Troubleshooting und meist auch Kosteneffizienz. Letztere wird aufgrund der Globalisierung und zunehmenden weltweiten Vernetzung sukzessiv immer wichtiger wird, um die Wettbewerbsfähigkeit weiterhin zu gewährleisten.

Welche praktischen Anwendungen gibt es?

Die komplexen Anforderungen im Unternehmen erlebe ich täglich bei meiner Tätigkeit im Sondermaschinenbau. Dazu gehören zum einen die kontinuierliche Verbesserung von Maschinen und Anlagen – und zum anderen die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten von Menschen und Prozessen. Beides muss aufeinander abgestimmt und bei gleichzeitig wirtschaftlicher, wettbewerbsfähiger Preisgestaltung gemanagt werden. Dies erfordert eine aufwandsgerechte Ressourcenallokation, aber es muss auch der Ist-Zustand mit Entwicklungs- und Verbesserungspotenzialen aufgezeigt werden. Um hierzu eine rationale Bewertungsgrundlage zu definieren, wurde bei uns im Unternehmen eine Abstufung in drei Komplexitätsstufen anhand von insgesamt zehn Kriterien entwickelt. Zu diesen Kriterien zählen:

  • Kosten,
  • Termine,
  • Risiko,
  • Genauigkeitsgrad,
  • Messung,
  • erforderliche Qualifikationen,
  • Projektmanagement,
  • Dokumentation,
  • Abwicklung,
  • Zertifizierungen.

Die Kriterien werden in drei aufeinander aufbauende Komplexitätsstufen (Stufen 1-3) mit Hilfe jeweils untergeordneter Kennzahlensysteme differenziert, wie die Abbildung zeigt:

Die Zuordnung zur jeweiligen Teilkomplexitätsstufe (farbig markiert) ergibt sich aus den Werten, die bei der Berechnung bzw. Auswertung der zugeordneten Kennzahlen erzielt werden. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass einzelne Kennzahlen sowie Kriterien aufgrund ihrer Gewichtung die Summe der übrigen Kriterien übersteuern können. Die Anwendung der Komplexitätsstufen erlaubt somit sowohl die genaue Betrachtung und Bewertung eines Projekts im Kontext des risikobasierten Ansatzes des Qualitätsmanagements als auch die Möglichkeit zur Positionierung des Unternehmens in einem zukunftsfähigen und – hinsichtlich des Wachstums – vielversprechenden Marktbereich.

Wo gibt es weiterführende Informationen zu dem obigen Text?

  • Ashby, R. W. (1985). Einführung in die Kybernetik (2. Auflage ed.). Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Beer, S. (1985). Diagnosing the System for Organizations. Chichester: John Wiley & Sons.
  • Hetzler, S. (2010). Real-Time Control für das Meistern von Komplexität. Frankfurt am Main: Campus VerlagGmbH.
  • Frahm, M. und Roll, C. (2022). Designing Intelligent Construction Projects. Chichester: John Wiley & Sons.
  • Snowden, D. und Boone, M. (2007). A leader’s framework for decision making. https://hbr.org/2007/11/a-leaders-framework-for-decision-making

Ein Austausch zum Thema ist möglich mit:

Frau Carola Roll, Strategie- und Nachhaltigkeits-Managerin
bei JELBA Werkzeug- u. Maschinenbau GmbH & Co. KG

Das Profil von Frau Roll finden Sie hier.

Wolfgang Schröder

(3) Werte und Unternehmenskultur. Den Rahmen für Führungserfolg gestalten

Die Unternehmenskultur fasst die Normen und Werte, Einstellungen, Haltungen und Verhaltensmuster zusammen, die im Unternehmen gelebt werden oder gelebt werden sollen. Fünf Erfahrungen zeigen, dass Überzeugungen und insbesondere Werte heute wesentlich stärker berücksichtigt werden müssen, als das im letzten Jahrhundert nötig war.

Grundlagen: Wozu die Beschreibung der Unternehmenskultur -Nice to have?
Die Beschreibung soll einerseits das Unternehmen nach außen mit seine Stärken darstellen. Corporate Identity, die in vielen Facetten umgesetzt werden kann, soll das Unternehmen von anderen Unternehmen positiv abheben.
Andererseits sollen mit den normativen Aussagen der Unternehmenskultur im Unternehmen die Rahmenbedingungen beschrieben werden, die bei Entscheidungen und Verhalten immer und überall im Unternehmen berücksichtigt werden sollen.

Umsetzung:
In vielen Unternehmen konkretisiert sich Unternehmenskultur durch ein Leitbild und Führungsgrundsätze. Im Leitbild wird der Zweck des Unternehmens in Form von Nutzenversprechen gegenüber seinen Anspruchsgruppen dargelegt.
Führungsgrundsätze sollen eine einheitliche Grundlage für das unternehmensweit gewünschte Führungsverhalten und die Zusammenarbeit schaffen.
Die Inhalte sind in nahezu allen Unternehmen sehr ähnlich. Letztendlich sollen diese Rahmenbedingungen dafür sorgen, dass Unternehmen kurz-, mittel- und langfristig erfolgreich sind. Das trifft für alle Unternehmen zu.

Werte als Herausforderung:
Wenn die Kultur dafür geeignete Grundlagen enthält ist alles gut. Soll sie verändert werden, müssten auch Werte verändert werden. Die Werteforschung belegt, dass das äußerst langwierig ist. Wenn dazu mehr als fünf Jahre notwendig sind, dann benötigen Kulturveränderungen eine Strategie und Zwischenschritte.

Kulturentwicklung:
Kulturveränderungen benötigen einen Entwicklungsprozess. Zuerst müssen sicherlich die Inhalte der beschriebenen Soll-Kultur überprüft werden. Bilden in Führungsgrundsätzen Führungsstile explizit oder implizit die Grundlage, dann kann darauf nichts Erfolgreiches wachsen. Respektvolles Verhalten mit all seinen direkten und indirekten Konsequenzen für Führung und Zusammenarbeit ist die Grundlage. Einschließlich der Ergebnisorientierung, um Ziele des Unternehmens und des Personals zu erreichen. Die dafür notwendigen Systeme und Tools müssen IT-Kompatibel sein und die Werteorientierung widerspiegeln.

Zwei Herausforderungen müssen erfolgreich bearbeitet werden:

  1. Wie kann das Leitbild akzeptiert und als wertvoller Problemlöser in operative Führung einbezogen werden?
  2. Wie können Inhalte von Führungsgrundsätzen über Führungssysteme mit der operativen Führung verknüpft werden?

Dazu finden Sie hier begründete und umsetzungsreife Vorschläge. Sonst bleiben Aussagen der Unternehmenskultur wirkungslos und werden sogar kontraproduktiv.

Manuskript-Download:

Wolfgang Schröder

(2) Werte und Führung: Erfolgreiche Praxis auf der Basis von Werteforschung statt überholter Grundlagen

Im ersten Beitrag wurden grundlegende Ergebnisse aus 40 Jahren Werteforschung in Deutschland beschrieben. Bemerkenswert ist z.B. wie stabil Wertestrukturen über viele Jahre sind, aber auch kurzfristig bei Herausforderungen wie Covid-19. Nun konzentrieren wir uns auf den spezifischen Mehrwert für Führungskräfte und MitarbeiterInnen. Im zweiten Beitrag geht es um den konkreten Nutzen der Werteforschung für Führung.

Herausforderung:

Führung in Deutschland steht schon seit Jahren in der Praxiskritik. Eine Vielzahl von Studien belegen, dass Führungskräfte mit den Herausforderungen für Führung nicht gut fertig werden sollen. Dabei gibt es schon lange Erfahrungen, dass es nicht an den Führungskräften liegt, sondern an den Konzepten, mit denen sie in Deutschland führen sollen.  

Grundlage:

In vielen Seminaren für Führungskräfte und MitarbeiterInnen ist der Rokeach Value Survey (RVS) eingesetzt worden. Die SeminarteilnehmerInnen sollten

  • Werteforschungsergebnisse und den Einfluss der Werte auf Verhalten kennenlernen
  • ihre eigenen Werte und Werteprioritäten ermitteln 
  • Werte ihrer MitarbeiterInnen bzw. ihrer Führungskräfte einschätzen
  • Konsequenzen aus Gemeinsamkeiten und Unterschieden für Führung ableiten

Aufgrund der hohen Teilnehmerzahl und der Tatsache, dass SeminarteilnehmerInnen aus vielen Unternehmen und Branchen kamen, können Ergebnisse verallgemeinert werden.

Ergebnisse:

Die Ergebnisse zeigen die desaströsen Wirkungen klassischer Führungskonzepte, in denen Führungsstile und situatives Verhalten der Führungskräfte im Mittelpunkt stehen. Diese Konzepte berücksichtigen nicht die gesellschaftlich wichtigen Werte sondern sie verletzen sie sogar. Auch klassische „Vorurteile“ werden sichtbar, die komplexe Führungssituationen noch schwieriger machen. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit entsteht deshalb nicht.

Perspektive:

Im Mittelpunkt von Führung stehen die wichtigen Werte „Selbstachtung“ und „Innere Harmonie“. Aber auch Gehorsam. Führungskräfte und MitarbeiterInnen unterliegen dazu folgenschweren Fehleinschätzungen. Die eigene Selbstachtung zu erhalten ist auch in der Gesellschaft einer der wichtigsten Werte. „Value Clarification“ öffnet den Weg zu Tools und Maßnahmen, die Respekt fördern, Selbstwertgefühl erhalten und Ergebnisse verbessern. 

Umsetzung:

Auf dieser Basis hat sich ein Führungskonzept ergeben, das auf Respekt aufbaut und mit dem die Ziele des Unternehmens, der Führungskräfte und der MitarbeiterInnen  erreicht werden. So wird Führung bei den heutigen Herausforderungen erfolgreich.

Entdecken Sie, wie die Werteforschung die Qualität der Führung verbessert und welche praktischen Konsequenzen sich daraus ergeben. Es sind Handlungsempfehlungen, damit Sie Führungskompetenzen stärken und um den Verantwortungsbereich erfolgreich zu lenken.

Manuskript zum Download:

Link zum nächsten Beitrag: (3) Werte und Unternehmenskultur. Den Rahmen für Führungserfolg gestalten

Wolfgang Schröder

Zur Rolle von Werten – drei Perspektiven. (1) Wie Werte als Verhaltensgrundlage wirken. Ergebnisse aus 40 Jahren Werteforschung in Deutschland

In den folgenden drei Blogposts beleuchte ich drei Perspektiven auf Werte: Im folgenden ersten Post betrachte ich Ergebnisse aus 40 Jahren Werteforschung in Deutschland. Im zweiten Post geht es um (2) Werte und Führung: Erfolgreiche Praxis auf der Basis von Werteforschung statt überholter Grundlagen. Der dritte Beitrag behandelt (3) Werte und Unternehmenskultur. Den Rahmen für Führungserfolg gestalten. Zu jedem Beitrag ist ein vollständiges Manuskript zum Herunterladen bereitgestellt. Viel Spaß beim Lesen!

(1) Der Einfluss von Werten auf unser Verhalten: Erkenntnisse aus 40 Jahren Werteforschung in Deutschland

Die Bedeutung von Werten als Grundlage für menschliches Verhalten ist von großer Bedeutung. Überzeugungen und insbesondere Werte haben erheblichen Einfluss z.B. auf Veränderungserfolg.  In diesem Blog-Post werden die grundlegenden Ergebnisse einer 40-jährigen Werteforschung in Deutschland mit Laborexperimenten und Feldstudien zusammengefasst. Dabei werden Fragen beantwortet, ob und wie Werte unsere Entscheidungen, Informationsbeschaffung und Konfliktverhalten beeinflussen. Zudem werden interessante Erkenntnisse zum Wertewandel und zur Stabilität von Werten präsentiert. Die praktische Umsetzung dieser Erkenntnisse zur Führung und Unternehmenskultur wird in weiteren Beiträgen behandelt.

Die Grundlagen: Was sind Werte und besitzen sie Verhaltensrelevanz?

Bevor wir tiefer in die Forschungsergebnisse eintauchen, schauen wir uns zunächst an, was Werte überhaupt sind und wie sie unser Verhalten beeinflussen können. Werte sind tief verwurzelte Überzeugungen und Prinzipien, die unsere Entscheidungen, Handlungen und Interaktionen leiten. Diese Leitlinien beeinflussen unsere Präferenzen und Prioritäten.

Das Wertekonzept von Milton Rokeach:

Das Problem einer werteorientierten Erklärung des Verhaltens liegt im geringen Angebot an geeigneten Konzepten zur Werteerfassung. Milton Rokeach hat ein Verfahren entwickelt, das seit seiner Veröffentlichung eine so starke Beachtung erfährt, dass heute allein schon der Terminus “value” beinahe automatisch mit seinem Namen assoziiert wird. Es ist bis heute noch nicht durch ein Konzept abgelöst worden, das geeigneter wäre.

Der Umgang mit Werten in Deutschland:

In Deutschland spielen Werte in der gesellschaftlichen Diskussion eine bedeutende Rolle. In der Forschung aber nicht. In letzter Zeit wird in praxisnahen Veröffentlichungen der Wertebegriff intensiver genutzt. Die dort beschriebenen Auffassungen von Werten stehen in keinem Zusammenhang mit wertetheoretischen Grundlagen, die sich über viele Jahre gerade außerhalb von Deutschland auch mit dem Rokeach-Ansatz entwickelt haben. Das erfüllt dieser Beitrag mit einer Vielzahl von empirischen Beispielen aus Deutschland.

Jetzt hier veröffentlichte Ergebnisse zu empirischer Werteforschung in Deutschland belegen:

  • Der Rokeach Value Survey (RVS) ist geeignet, um Werte zu erfassen.
  • Werte beeinflussen direkt und nachweisbar individuelles Verhalten.
  • Wertestrukturen verändern sich in Deutschland über 40 Jahre kaum. Die wesentlichen Werte werden unverändert als wichtig eingeschätzt. Ein Wertewandel in mehr als 30 Jahren kann nicht nachgewiesen werden.
  • Covid19 und der Ukrainekrieg haben keinen kurzfristigen Einfluss auf Werteprioritäten.
  • Es gibt gesellschaftliche Gruppen, die spezifische Gemeinsamkeiten haben und die insbesondere andere Werte für wichtig halten.
  • Konflikte zwischen Personen, die sich hinsichtlich der Werte stark unterscheiden, haben eine besonderes hoher Intensität.
  • Überzeugungen und Werten müssen berücksichtigt werden, wenn Veränderungsprozesse erfolgreich sein sollen.

Manuskript zum Herunterladen:

Link zum nächsten Beitrag: (2) Werte und Führung: Erfolgreiche Praxis auf der Basis von Werteforschung statt überholter Grundlagen

Sven-Volker Rehm

Lehr- und Lernmaterialien für die WiSo-Kybernetik

Eine satzungsgemäße Aufgabe der GWS e.V. ist das “Aufzeigen, die Entwicklung und die Verbreitung des Gedankenguts und der Methoden der Kybernetik in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft im Zusammenwirken mit den Erkenntnissen und Erfahrungen der allgemeinen Wissenschaft und Praxis” (Satzung).

Diese aktuelle Initiative innerhalb der GWS hat zum Ziel, entsprechende Materialien für akademische und berufsbegleitende Lehre zusammenzustellen. Diese sollen zum einen die Aus- und Weiterbildung von Führungskräften in Wirtschaft, Politik und Verwaltung auf dem Gebiet der WiSo-Kybernetik ermöglichen sowie zum anderen die Förderung des Interesses für Kybernetik, insbesondere bei jungen Menschen.

Sowohl Hinweise auf Materialien als auch Anforderungen an die Aus- und Weiterbildung sind herzlich eingeladen. Wenn Sie sich als GWS-Mitglied oder externe/-r Interessierte/-r beteiligen möchten, wenden sie sich bitte an den Vorstand der GWS.

Sven-Volker Rehm

CI:P Journal: Beiträge zu Collective Intelligence

Die GWS gründet derzeit eine neuartige wissenschaftliche Zeitschrift: Collective Intelligence Perspectives ist als interdisziplinäres und multimediales Angebot sowie als globales Forum für transdisziplinäre wissenschaftliche Untersuchungen konzipiert, die sich mit systemischen Perspektiven auf kollektive Intelligenz bzw. Collective Intelligence befassen, also die kollektive Generierung und Nutzung von Informationen, Kommunikation und Kontrolle in sozialen Organisationen betrachten.

Wenn Sie selbst als Autor oder Autorin beitragen möchten, wenden Sie sich bitte an den Vorstand der GWS.

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