Wiener-2001

Stafford Beer weiterdenken – Rückblick auf das Jubiläums-Symposium in Stuttgart

Von Management-Kybernetik und Viabilität bis zu KI, hybriden Organisationen und gesellschaftlicher Resilienz

Wie aktuell ist Stafford Beer einhundert Jahre nach seiner Geburt? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Jubiläums-Symposiums „100 Jahre Stafford Beer – Gestaltung, Governance und Dynamik in komplexen Organisationen“, das die Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialkybernetik (GWS) e.V. gemeinsam mit der Universität Stuttgart am 24. September 2026 veranstaltete.

Rund 20 Teilnehmende aus Wissenschaft und Praxis kamen zusammen, um Beers Werk nicht nur historisch zu würdigen, sondern danach zu fragen, was seine Management-Kybernetik heute für die Gestaltung von Organisationen leisten kann. Drei Keynotes und vier Kurzimpulse spannten einen weiten Bogen: von persönlichen Erinnerungen an Stafford Beer über drei Jahrzehnte praktischer Arbeit mit dem Viable System Model (VSM) bis hin zu neuen Fragestellungen rund um Künstliche Intelligenz und hybride Managementsysteme.

Gerade der überschaubare Kreis erwies sich dabei als Stärke. Die Diskussionen beschränkten sich nicht auf die vorgesehenen Programmpunkte. Bereits in den Pausen entstanden intensive Gespräche zwischen Referierenden und Teilnehmenden; am Nachmittag mündete dies in eine offene gemeinsame Abschlussdiskussion, an der sich praktisch alle Beteiligten einbrachten.

Stafford Beer als lebendige Tradition

Den Auftakt machte Prof. em. Dr. Markus Schwaninger mit einer biografischen und fachlichen Einordnung Stafford Beers. Besonders eindrücklich war dabei die persönliche Perspektive: Schwaninger konnte aus eigener Begegnung mit Beer berichten und davon, wie dieser seine damals neuartigen Ideen vermittelte und Menschen für kybernetisches Denken begeisterte. Zur Sprache kamen auch Beers spätere Lebensjahre und seine künstlerische Tätigkeit sowie die Verbindung zwischen seinem Denken und der St. Galler Management-Kybernetik.

Damit wurde bereits zu Beginn deutlich: Stafford Beer lässt sich kaum auf das Viable System Model reduzieren. Hinter dem Modell steht eine umfassendere Vorstellung davon, wie Organisationen mit Komplexität umgehen können – durch geeignete Rückkopplungen, differenzierte Autonomie, rekursive Strukturen und eine Organisation der notwendigen Varietät.

Schwaninger berichtete darüber hinaus von internationalen Aktivitäten rund um Beers 100. Geburtstag, die zeigen, dass die Auseinandersetzung mit seinem Werk weit über den deutschsprachigen Raum hinaus fortgeführt wird. Das Jubiläum ist damit weniger Endpunkt einer historischen Würdigung als Anlass für eine erneute Beschäftigung mit den Fragen, die Beer gestellt hat.

Vom Modell zur organisationalen Praxis

Diese Perspektive nahm Patrick Hoverstadt in seiner Keynote konsequent praktisch auf. Sein Beitrag beruhte auf rund drei Jahrzehnten Erfahrung mit Management-Kybernetik und dem VSM in Organisationsberatung und -gestaltung. Er zeigte, wie Beers Konzepte in der Praxis für Organisationsdiagnose, Design, Governance und Transformation genutzt und mit anderen systemischen Methoden verbunden werden können.

Dabei wurde ein zentraler Aspekt besonders sichtbar: Das VSM ist kein Organigramm und kein abstraktes Schema, das einer bestehenden Organisation lediglich übergestülpt wird. Sein Wert liegt vielmehr darin, Fragen nach Entscheidungsfähigkeit, Verantwortungsverteilung, Koordination und Anpassungsfähigkeit systematisch zu stellen. Hoverstadts Beispiele machten deutlich, dass Beers Konzepte gerade dann produktiv werden, wenn sie in eine für Führungskräfte und Mitarbeitende verständliche Gestaltungspraxis übersetzt werden.

Diese Verbindung von VSM und konkreter Organisationspraxis griff später auch Carola Ritzinger-Roll in ihrem Kurzimpuls auf. Am Beispiel eines mittelständischen Maschinenbauunternehmens zeigte sie, wie das VSM mit Lean- und Qualitätsmanagement verbunden werden kann. In einem Umfeld hoher Variantenvielfalt, regulatorischer Anforderungen und technologischer Dynamik dient das VSM dabei als übergeordneter Bezugsrahmen, während etablierte Managementinstrumente konkrete Rückkopplungs-, Lern- und Steuerungsfunktionen operationalisieren.

Gerade diese unterschiedlichen Beispiele unterstrichen eine gemeinsame Linie des Symposiums: Management-Kybernetik gewinnt ihren Wert nicht dadurch, dass Organisationen möglichst sichtbar „nach VSM“ aussehen. Entscheidend ist, ob kybernetische Prinzipien dazu beitragen, Organisationen tatsächlich lebens-, lern- und anpassungsfähiger zu machen.

Gesundheitswesen und KI: neue Anwendungsfelder für kybernetisches Denken

Einen weiteren Perspektivwechsel brachte die Keynote von Dr. Matvei Tobman. Als Mediziner, Chirurg und Risikomanager näherte er sich dem VSM aus der praktischen Erfahrung komplexer Gesundheitseinrichtungen.

Ausgangspunkt waren strukturelle und prozessuale Probleme in Krankenhäusern. Die von Beer verwendete Analogie zwischen Organisation und Nervensystem bot dabei einen anschaulichen Zugang, auch wenn die neurophysiologischen Vorstellungen aus heutiger Sicht weiterentwickelt worden sind. Entscheidender war die Frage, wie Krankenhausorganisationen als zusammenhängende Systeme analysiert werden können und wo typische Dysfunktionen ihre Lebensfähigkeit beeinträchtigen.

Von hier führte Tobman unmittelbar zur Künstlichen Intelligenz. Anstatt einzelne KI-Anwendungen isoliert einzuführen, schlug er vor, zunächst die systemischen Funktionen und Problemfelder der Organisation zu analysieren. So können beispielsweise Anwendungen für Dokumentation, Diagnostik, Logistik oder Patientensteuerung danach beurteilt werden, welche Funktion sie im Gesamtsystem tatsächlich unterstützen – und ob ihre Einführung möglicherweise neue Ungleichgewichte erzeugt.

Damit berührte sein Vortrag eine Frage, die an mehreren Stellen des Symposiums wiederkehrte: Soll Technologie bestehende Organisationsstrukturen lediglich effizienter machen – oder müssen wir zunächst fragen, welche Organisations- und Entscheidungsarchitektur überhaupt benötigt wird?

Managementarchitekturen für Menschen und intelligente Agenten

Genau an dieser Stelle setzte der Kurzimpuls von Prof. Dr. Christian Abegglen zu „Agentonomics“ an. Der Ansatz fragt nicht primär danach, welche Managementaufgaben durch KI automatisiert werden können. Ausgangspunkt ist vielmehr die Managementarchitektur selbst.

Wenn Menschen und intelligente Agenten künftig gemeinsam Managementleistungen erbringen, müssen Managementwissen, Rollen, Mandate, Entscheidungsrechte, Kontrollpunkte und Lernprozesse so expliziert werden, dass daraus eine gemeinsame Architektur entstehen kann.

Daraus folgt eine bemerkenswerte Umkehrung der heute häufig technikgetriebenen Diskussion: Nicht die jeweils verfügbare KI-Technologie sollte bestimmen, wie Management organisiert wird. Vielmehr sollte die Managementarchitektur festlegen, welche intelligenten Systeme mit welchen Rollen, Entscheidungsrechten und Governance-Strukturen sinnvoll eingesetzt werden.

Agentonomics knüpft hierfür an die systemorientierte St. Galler Managementtradition an und versteht Unternehmen als offene, komplexe und entwicklungsfähige Systeme. Das Ziel ist ausdrücklich nicht eine vollständige Automatisierung des Managements, sondern die Gestaltung hybrider Managementsysteme, in denen menschliche und maschinelle Fähigkeiten verantwortbar zusammenwirken.

In dieser Perspektive liegt eine interessante Verbindung zu Beer: Auch hier geht es letztlich darum, mit wachsender Varietät umgehen zu können und Entscheidungs-, Kommunikations- und Lernfähigkeit in komplexen Systemen zu organisieren.

Das VSM weiterdenken – und den Blick über die Organisation hinaus richten

Die weiteren Kurzimpulse erweiterten diese Diskussion.

Roman Lelekov fragte nach einem allgemeineren ontologischen Rahmen für das Viable System Model. Im Mittelpunkt standen unter anderem die Unterscheidung zwischen organisationalen Funktionen und ihrer konkreten Realisierung sowie die Frage, wie Rekursion und Viabilität unter unterschiedlichen Bedingungen konzeptionell gefasst werden können. Damit wurde das VSM selbst zum Gegenstand der Reflexion: nicht als abgeschlossenes Modell, sondern als Ausgangspunkt für weitere theoretische Klärung.

Dr. Peter Kinne weitete den Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge. In seinem Beitrag stellte er zur Diskussion, welchen Beitrag systemwissenschaftliches Denken und Organisationen zur gesellschaftlichen Resilienz und zu demokratischer Verständigung leisten könnten. Dabei hob er insbesondere Organisationen als Orte hervor, an denen Menschen Wissen, Erfahrungen, Werte und soziale Praktiken entwickeln und austauschen. Dies verband er mit der Frage, wie Organisationen selbst resilient und zukunftsfähig gestaltet werden können. Diese Perspektive war als Impuls für die Diskussion angelegt und verband organisationale Kybernetik mit weiterreichenden gesellschaftlichen Fragestellungen.

Von der Jubiläumsveranstaltung zum gemeinsamen Dialog

Für den Nachmittag war ursprünglich ein World Café vorgesehen. Der intensive Austausch im Verlauf des Tages führte jedoch dazu, dass darauf verzichtet und die verfügbare Zeit stattdessen für eine gemeinsame offene Abschlussdiskussion genutzt wurde.

Das erwies sich als passend für den Charakter der Veranstaltung. Keynote-Speaker, Impulsgeber und Teilnehmende brachten Erfahrungen, Fragen und zum Teil auch unterschiedliche Einschätzungen unmittelbar in das Gespräch ein. Die Diskussion setzte damit genau dort an, wo viele Beiträge des Tages zusammenliefen: bei der Frage, wie Organisationen unter Bedingungen zunehmender Komplexität entscheidungsfähig bleiben können – und welche Rolle kybernetisches Denken dabei heute noch spielen kann.

Eine abschließende Antwort gab es nicht – und vielleicht war gerade das angemessen. Das Symposium zeigte vielmehr, dass Stafford Beers Werk auch einhundert Jahre nach seiner Geburt ein produktiver Ausgangspunkt für sehr unterschiedliche Fragen bleibt: von Organisationsdesign und Governance über Gesundheitswesen und Industrie bis hin zu KI, hybriden Managementsystemen und gesellschaftlicher Resilienz.

Stafford Beer weiterzudenken bedeutet damit nicht, seine Modelle unverändert in die Gegenwart zu übertragen. Es bedeutet, seine grundlegenden Fragen nach Viabilität, Varietät, Autonomie, Koordination und Lernfähigkeit unter heutigen Bedingungen neu zu stellen.

Weitere Informationen zu den Vorträgen, Kurzimpulsen und Referierenden sowie Impressionen des Symposiums finden Sie auf der Archivseite der Veranstaltung. Ausgewählte Präsentationen können mit Zustimmung der jeweiligen Vortragenden auf Anfrage über die GWS zur Verfügung gestellt werden.

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Rückblick auf das 11. SynergyLab: Lebensfähige Governance in komplexen Organisationen

Am 28. Juli 2026 hielt GWS-Mitglied Carola Ritzinger-Roll den Impulsvortrag im 11. SynergyLab der GWS. Unter dem Titel „From Viability to Measurability: Lebensfähige Gestaltung von Governance in hochkomplexen, dynamischen und regulierten Organisationskontexten“ zeigte sie, wie kybernetische Prinzipien in einem mittelständischen Maschinenbauunternehmen praktisch eingesetzt werden können.

Im Mittelpunkt stand die Verbindung des Viable System Model (VSM) mit Lean Management, Qualitätsmanagement und betrieblichen Kennzahlen. Anhand konkreter Erfahrungen wurde deutlich, dass Komplexität nicht allein aus der technischen Schwierigkeit eines Auftrags entsteht. Auch regulatorische Vorgaben, Dokumentationspflichten, Zertifizierungen, Projektumfang und unterschiedliche fachliche Perspektiven wirken zusammen.

Das Unternehmen nutzt das VSM als organisatorischen Bezugsrahmen, um Verantwortlichkeiten, Rückkopplungsschleifen, Eskalationswege und strategische Entwicklung systematisch zu gestalten. Ergänzend wurden unterschiedliche Komplexitätsstufen für Projekte entwickelt. Langfristige Unternehmensdaten sollen nun dazu beitragen, die Lebensfähigkeit und Wirksamkeit der Organisationsgestaltung auch empirisch besser zu erfassen.

In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um die Grenze zwischen beherrschbarer Komplexität und Chaos, um die Erkennung verborgener Muster durch Datenanalyse und Künstliche Intelligenz sowie um die Frage, wie kybernetische Modelle erfolgreich in Organisationen eingeführt werden können. Als wesentliche Erfahrung wurde festgehalten: Statt zu lange nach einem perfekten Ausgangsmodell zu suchen, sollten Organisationen frühzeitig modellieren, die Beteiligten einbeziehen und ihre Strukturen iterativ weiterentwickeln.

Wir danken Carola Ritzinger-Roll herzlich für die fundierten Einblicke in die praktische Anwendung kybernetischer Organisationsmodelle und allen Teilnehmenden für den engagierten Austausch.

Ausblick

Das nächste SynergyLab ist für den 30. September 2026 geplant. Prof. Dr. Laura Georg Schaffner (Univ. Straßburg) spricht zum Thema: „Verborgene Dynamiken sichtbar machen: Kollektive Entscheidungsfähigkeit in komplexen Problemräumen“

Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung auf dieser Webseite.

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Rückblick: Frederic Vester heute – Sensitivitätsmodell im Dialog

Das GWS-Online-Event „Frederic Vester heute“ brachte 32 Teilnehmende aus Wissenschaft und Praxis zusammen, um die Aktualität und Weiterentwicklung von Vesters systemischem Denken zu diskutieren.

Im Zentrum stand das Sensitivitätsmodell als methodischer Zugang zur Analyse komplexer Systeme. In ihrer Keynote zeigte Gabriele Harrer-Puchner eindrücklich, wie das Modell in verschiedenen Anwendungsfeldern – insbesondere im Kontext von Nachhaltigkeit und Transformation – praktisch eingesetzt wird und welche Stärken es in der Strukturierung komplexer Zusammenhänge entfaltet.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass Vesters Ansatz weiterhin eine wichtige Orientierungsfunktion erfüllt, zugleich aber auch Fragen nach methodischer Weiterentwicklung, empirischer Fundierung und Integration mit neueren Ansätzen (z. B. System Dynamics, simulationsbasierte Modelle) aufwirft. Die Beiträge von Thomas Göllinger, Falko Wilms und Andreas Größler erweiterten diese Perspektive um aktuelle theoretische und methodische Überlegungen.

Deutlich wurde insgesamt, dass das Sensitivitätsmodell weniger als abgeschlossenes Instrument zu verstehen ist, sondern als offene, anschlussfähige Denk- und Arbeitsweise, deren Potenzial insbesondere im Zusammenspiel mit heutigen Methoden liegt und die eine reflektierte Einbettung in konkrete Problemkontexte erfordert.

Das Event hat gezeigt, dass systemisches Denken im Sinne Vesters nichts an Relevanz verloren hat – im Gegenteil: Es bietet weiterhin eine tragfähige Grundlage, um mit der wachsenden Komplexität heutiger Entscheidungs- und Transformationsprozesse umzugehen.

Ein nächster Anlass zur Vertiefung systemischer und kybernetischer Perspektiven bietet sich bereits im Herbst: Am 24. September 2026 ist an der Universität Stuttgart ein Symposium anlässlich des 100. Geburtstages des Management-Kybernetikers Stafford Beer geplant.

Über weitere Veranstaltungen und Entwicklungen rund um systemisches Denken und Kybernetik halten wir Sie hier auf dem Laufenden.

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Neue Veröffentlichung in MIS Quarterly Executive: Kybernetische Perspektiven auf kollektive Intelligenz in Digitalen Plattform-Ökosystemen

Wir freuen uns, auf eine neue Veröffentlichung unseres Vorstandsmitglieds Dr. Sven-Volker Rehm in der renommierten Zeitschrift MIS Quarterly Executive hinzuweisen:
📝 „Turning Tacit Knowledge into Dynamic Strategies Through Collective Inferencing“
Zum Artikel (open access)

Die im Artikel vorgestellte Methode des Collective Inferencing (CI) ist mehr als nur ein neues Werkzeug zur datenbasierten Strategieentwicklung in digitalen Plattformökosystemen – sie steht exemplarisch für einen modernen, kybernetischen Zugang zur Organisationsgestaltung.

Im Zentrum der Methode steht die Frage: Wie kann in komplexen, verteilten sozialen Systemen kollektives Wissen so strukturiert werden, dass daraus handlungsfähige, adaptive Entscheidungsstrategien entstehen?
Die Antwort liegt in einem mehrstufigen Verfahren, das qualitative Aussagen, Erfahrungswissen und implizite Schlussfolgerungen („tacit knowledge“) systematisch extrahiert, analysiert und modelliert. Dabei kommt eine generative KI nur zur Unterstützung der semantischen Rekonstruktion zum Einsatz – die Steuerung des Modells bleibt in menschlicher Hand. Es entsteht ein dynamisches Entscheidungsmodell, das Rückkopplungen, Pfadabhängigkeiten und multiple Perspektiven integriert.

Aus kybernetischer Sicht eröffnet die Methode einen wichtigen Weg, um in dynamischen Umwelten (sog. „adaptive landscapes“) die Viabilität von Organisationen zu sichern:

  • Sie fördert die strukturelle Kopplung von Teilperspektiven durch modulare Repräsentation von Entscheidungsfeldern.
  • Sie operationalisiert Ashbys Law of Requisite Variety durch die explizite Erfassung von Entscheidungskomplexität.
  • Sie unterstützt rekursive Lern- und Steuerungsprozesse durch die Simulation möglicher Strategien in kollektiven Entscheidungskontexten.

Das Fallbeispiel im Artikel bezieht sich auf die cplace-Plattform und ihr Ökosystem, das von der collaboration Factory GmbH in München aufgebaut wurde. Die dort gewonnenen Erkenntnisse zeigen, wie aus heterogenem Erfahrungswissen konkrete Handlungsoptionen für Governance, Innovation und Plattformentwicklung abgeleitet werden können.

Die Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialkybernetik e.V. gratuliert herzlich zur Publikation und lädt zur Diskussion über das Potenzial solcher Ansätze für moderne Steuerungsmodelle ein.

📌 Kontakt und Austausch jederzeit willkommen – ob zur Methode, zur Anwendung oder zur Weiterentwicklung im Sinne kybernetischen Denkens!

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Kennzahlen in vernetzten Systemen – Rückblick auf das 7. SynergyLab der GWS e.V.

Am 3. Dezember 2025 fand das 7. SynergyLab – Forum für intelligente Organisation – mit rund 20 Teilnehmenden statt. Im Mittelpunkt stand dieses Mal eine zentrale Frage moderner Organisationsgestaltung: Wie lassen sich Kennzahlen für komplexe, dynamische Systeme entwickeln?

Der Referent Dr. Marc Opitz präsentierte einen systemorientierten Ansatz, der Controlling, System Dynamics, Stakeholder-Analyse und Wissensnetzwerke miteinander verbindet. Ziel ist es, von isolierten Leistungskennzahlen zu einem ganzheitlichen, rückkopplungsorientierten Verständnis von Steuerungsgrößen zu gelangen.

Warum systemische Kennzahlen?

Organisationen stehen zunehmend in vernetzten Umwelten: Lieferketten, Wissensnetzwerke, Datenplattformen, gesellschaftliche und ökologische Systeme. Klassische KPI-Modelle greifen dabei oft zu kurz. Sie übersehen Nebenwirkungen, zeitverzögerte Effekte oder strukturelle Zusammenhänge.

Das SynergyLab zeigte, dass zukunftsfähige Kennzahlensysteme

  • Rückkopplungslogiken berücksichtigen müssen,
  • Bewertung statt bloßer Messung immaterieller Faktoren erlauben,
  • Strategieprozesse langfristig unterstützen,
  • und als Reflexionsinstrumente dienen – nicht als reine Kontrollmechanismen.

Diskussion: Von Wissensnetzwerken bis KI-basierter Analyse

Die Teilnehmenden brachten vielfältige Erfahrungen ein – von Wissensmanagement-Netzwerken über Prozessoptimierung bis hin zu ERP- und KI-Systemen. Einigkeit bestand darin, dass zu viele Kennzahlen eher schaden als nutzen. Priorisierung und strukturelle Reduktion seien unerlässlich.

Auch Tools wie Netmapping und das von GWS-Mitglied Dr. Werner Boysen entwickelte BoardRoom-Modell wurden diskutiert. Sie können helfen, komplexe Wirkungsketten sichtbar zu machen und strategische Entscheidungen zu unterstützen.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf KI-basierten Auswertungen: Automatische KPI-Generierung kann nützlich sein, erfordert aber transparente Modelle, fundierte Validierung und den bewussten Umgang mit Bias.

Fazit

Das 7. SynergyLab machte deutlich, wie wichtig ein systemisches Verständnis von Kennzahlen für moderne Organisationen ist. Nicht die Anzahl der Messgrößen entscheidet, sondern ihre Einbettung in Lern- und Entscheidungsprozesse.

Mit diesem SynergyLab wurde erneut sichtbar, welchen Beitrag kybernetisches Denken für praktische Strategiearbeit leisten kann – als Brücke zwischen Analyse, Kommunikation und organisationalem Lernen.

Dies war das letzte SynergyLab im Jahr 2025. Neue Termine für 2026 stehen bereits fest – Informationen zum Programm folgen. Weitere Informationen zum SynergyLab finden Sie unter:
👉 https://synergylab.space

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Rückblick: Online-Event „100 Jahre Frederic Vester – Denken in vernetzten Wirkungsgefügen“

Am 28. November 2025 fand das GWS-Event zum 100. Geburtstag von Prof. Dr. Frederic Vester (1925–2003) statt. Rund 20 Teilnehmende – zur Hälfte Mitglieder der GWS und zur Hälfte externe Interessierte – nahmen an dieser Online-Veranstaltung teil, die dem Werk und der Aktualität dieses prägenden Systemdenkers gewidmet war.

Nach einer kurzen Begrüßung durch den Vorstandsvorsitzenden der GWS, Dr. Sven-V. Rehm, der die GWS als Forum für systemisches und kybernetisches Denken vorstellte, eröffnete Prof. Dr. Thomas Göllinger (HTWG Konstanz) den Nachmittag mit einem Impulsvortrag zu Vesters Lebensweg und seinem Beitrag zur biologischen Kybernetik, zu Nachhaltigkeit und zu frühen Formen systemwissenschaftlicher Bildung. Er erinnerte an Vesters Rolle als Wissenschaftler, Filmemacher und Autor sowie an seine Pionierarbeit mit dem SBU-Institut in München .

Anschließend zeigte Prof. Dr. Falko Wilms (FHV Vorarlberg) die Bedeutung von Vesters Ansätzen für Entscheidungsprozesse in komplexen Situationen. Er erläuterte zentrale Elemente des Sensitivitätsmodells – von der Variablenliste bis zur Einflussmatrix – und diskutierte Optionen, dieses Modell stärker auf Maßnahmenentwicklung auszurichten und bei Bedarf auch ohne Simulation nutzbar zu machen.

In einer kurzen interaktiven Umfrage zeigte sich, dass zwar über 80% der Teilnehmenden vernetztes Denken als wichtigsten Bezugspunkt zu Vester sehen, während etwa ein Fünftel angaben, ihm bislang kaum begegnet zu sein. Anschließend stellte Thomas Göllinger den neuen Jubiläumsband „Systemisch-vernetztes Denken und Sustainability-Transformation“ (Springer, 2025) vor.

Die abschließende Diskussion thematisierte unter anderem die Rolle systemischen Denkens in der Bildung, die Herausforderungen interdisziplinärer Zusammenarbeit sowie Grenzen und Potenziale partizipativer Modellierungsprozesse. Beiträge von Prof. Dr. Schwaninger (Univ. St. Gallen) und weiteren Teilnehmenden hoben hervor, dass systemisches Denken eine Haltung sei, die weit über technische Werkzeuge hinausreiche und gerade in Transformationskontexten wichtige Orientierung biete .

Wir bedanken uns herzlich bei Prof. Dr. Thomas Göllinger und Prof. Dr. Falko Wilms für ihre Impulsvorträge und Beiträge sowie bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für ihr Interesse, ihre Fragen und die anregende Diskussion. Die Vielfalt der Perspektiven hat eindrucksvoll gezeigt, wie lebendig und relevant Vesters Denken auch heute noch ist.

Wir laden Sie schon jetzt herzlich ein, auch beim Folge-Event im Frühjahr 2026 dabei zu sein, in dem wir die Anwendung und Weiterentwicklung des Sensitivitätsmodells in Forschung und Praxis weiter vertiefen werden.
Weitere Informationen folgen in Kürze auf dieser Website und über unsere LinkedIn-Kanäle.

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6. SynergyLab der GWS e.V. – Zwei Wege zur Systemanalyse: Frederic Vester und System Dynamics

Am 29. Oktober 2025 fand das sechste SynergyLab der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialkybernetik (GWS e.V.) statt. Im Zentrum stand ein Impulsvortrag von Prof. Dr. Andreas Größler (Universität Stuttgart) unter dem Titel „Zwei Wege zur Systemanalyse – Frederic Vester und System Dynamics“. Die Diskussion wurde moderiert von Dr. Sven-Volker Rehm.

Prof. Größler stellte in seinem Vortrag die beiden prägenden Ansätze systemischer Analyse gegenüber – das kybernetische Denken Frederic Vesters und die System Dynamics-Methode nach Jay W. Forrester. Beide beruhen auf der Idee zirkulärer Kausalität, unterscheiden sich jedoch in Formalisierungsgrad, Anwendungsfokus und Zugang zur Verständigung über komplexe Systeme.

Vester zielte auf qualitative und anschauliche Zugänge zur Systembetrachtung ab. Seine Sensitivitätsmodelle fördern das gemeinsame Nachdenken über Zusammenhänge und Rückkopplungen – insbesondere in interdisziplinären Gruppen. System Dynamics hingegen bietet einen quantitativen, experimentellen Zugang, um Hypothesen über Systemverhalten zu prüfen und Politikmaßnahmen zu simulieren.

In der Diskussion zeigte sich, dass beide Ansätze komplementär sind. Vesters Methoden ermöglichen Verständigung und Beteiligung, System Dynamics vertieft die analytische Durchdringung. Zusammen können sie dazu beitragen, komplexe Probleme – von ökologischer Nachhaltigkeit bis zu organisatorischen Transformationsprozessen – zugleich verständlich, überprüfbar und kommunizierbar zu machen.

Das SynergyLab verdeutlichte damit, dass Kybernetik heute nicht nur historische Relevanz besitzt, sondern eine Vermittlungsdisziplin zwischen Wissenschaft, Praxis und Bildung bleibt. Die Teilnehmenden waren sich einig: Vesters Vermächtnis, komplexe Systeme erfahrbar und diskussionsfähig zu machen, ist aktueller denn je.

Zentrale Erkenntnisse:

  • Vesters und Forresters Ansätze verfolgen unterschiedliche, aber vereinbare Ziele: Lernen über Systemverhalten.
  • Systemdenken lebt von der Integration qualitativer und quantitativer Methoden.
  • Partizipation ist kein Beiwerk, sondern Teil der Modellbildung.
  • Vesters Sensitivitätsmodell eignet sich als Einstieg für komplexe Problemfelder in Bildung und Praxis.
  • Die Kombination beider Ansätze eröffnet Perspektiven für nachhaltige Entscheidungsprozesse.

Das nächste SynergyLab findet im Dezember 2025 statt – mit neuem Impuls, neuer Perspektive, neuer Gelegenheit zum Weiterdenken. Weitere Informationen finden Sie auf dieser Website und auf LinkedIn.

Weitere Informationen und Kontakt:
🔗 synergylab.space
📧 office@gws-kybernetik.org

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Welche Werkzeuge helfen wirklich, komplexe Systeme zu verstehen?

💬 „Ein Modell ist nur so stark wie das Verständnis, das es ermöglicht.“
– Dr. Kristjan Ambroz beim 5. SynergyLab der GWS e.V.

Beim 5. SynergyLab am 24. September 2025 stellte Dr. Kristjan Ambroz seinen kybernetischen Werkzeugkasten vor – von Model of Systemic Control über Causal Loop-Diagramme bis hin zu groß angelegten System Dynamics-Modellen. Gemeinsam diskutierten wir Chancen, Grenzen und praktische Erfahrungen aus der Anwendung in Unternehmen.

Die diskutierten Aspekte umfassten u.a.:

🧠 Methodenvielfalt zwischen einfacher Übersicht und komplexen Großmodellen
💬 Partizipation als Schlüssel – Integration schafft kollektives Verständnis, bleibt aber ressourcenintensiv
🌐 Verständlichkeit entscheidet über Vertrauen und Akzeptanz im Management
📊 Kleine Modelle für Kommunikation, große Modelle für Prognosen – beides notwendig

📅 Das nächste SynergyLab findet im Oktober 2025 statt – mit neuem Impuls, neuer Perspektive, neuer Gelegenheit zum Weiterdenken.

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Wirkungsgefüge, Verantwortung und Systembewusstsein – Was Vester heute lehrt

Am 23. Juli 2025 fand das 4. SynergyLab der GWS e.V. statt – erneut ein Raum für reflektierten, interdisziplinären Austausch rund um kybernetisches Denken und kollektive Intelligenz. Diesmal stand das Werk des Systemdenkers Frederic Vester im Mittelpunkt, vorgestellt und eingeordnet von Prof. Dr. Falko Wilms (Hochschule Vorarlberg).

Vester – mehr als Matrixdenken

Unter dem Titel „Wirkungsgefüge, Einflussmatrix und Schlüsselvariablen – Was Vester anders macht als seine Nachahmer“ zeigte Wilms auf, worin die Besonderheit des Vester’schen Ansatzes liegt: Nicht nur das Tool (die bekannte Einflussmatrix), sondern die dahinterliegende kybernetische Haltung, das vernetzte Denken und die Verantwortungsperspektive stehen im Zentrum.

Zentrale Impulse:

  • Wirkungsgefüge machen nicht nur Strukturen sichtbar, sondern erklären funktionale Zusammenhänge.
  • Einflussmatrizen dienen nicht der Dekoration, sondern der systematischen Bewertung von Handlungsoptionen.
  • Schlüsselvariablen helfen, das Wesentliche zu erkennen: Was wirkt stark und ist beeinflussbar?
  • Vester dachte Kybernetik als Gestaltungslehre – gegen mechanistische Steuerungsfantasien.
  • Seine Methode setzt auf Verständigung, Transparenz und Beteiligung, nicht auf technokratische Modellierung.
  • Heutige „Systemtools“ greifen zwar Begriffe auf – aber oft ohne die reflexive Tiefe.
  • Die Diskussion zeigte: Vesters Denken ist hochaktuell – gerade in Zeiten komplexer Entscheidungsdilemmata.

Offenheit trifft Tiefe

Das 4. SynergyLab war geprägt von einer erkenntnisorientierten Diskussion – mit Teilnehmern aus Systemforschung, Praxisberatung und Organisationsentwicklung. Besonders intensiv wurde über die ethische Dimension systemischer Methoden gesprochen: Wie ermöglichen wir verantwortlichere Entscheidungen in komplexen Umwelten?

Systemisches Denken weiterdenken

Die GWS versteht die SynergyLabs als lebendige Orte der Verständigung – nicht über Theorien allein, sondern über ihre Bedeutung für die Welt, in der wir handeln. Das Werk von Frederik Vester bleibt dabei eine zentrale Inspirationsquelle.

📅 Das nächste SynergyLab findet im Herbst 2025 statt – mit neuem Impuls, neuer Perspektive, neuer Gelegenheit zum Weiterdenken.

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Sven-Volker Rehm

Zielkonflikte in der Modellierung – Wie genau ist genau genug? Das 2. SynergyLab der GWS e.V.

13 Teilnehmende aus Wissenschaft, Beratung und Praxis diskutierten im Rahmen des GWS-SynergyLab am 30. April 2025 über zentrale Spannungsfelder in der dynamischen Modellierung von Organisationen. Ausgangspunkt war ein Impulsvortrag von Prof. Dr. Andreas Größler (Universität Stuttgart) mit dem Titel:
„Lieber nicht so genau und dafür relevant? Zielkonflikte der dynamischen Modellierung in Organisationen“

Relevanz schlägt Genauigkeit?

Prof. Größler stellte die These zur Diskussion, dass Modelle nicht zwangsläufig „richtig“ sein müssen, um nützlich zu sein. Organisationale Modelle, etwa im Bereich strategischer Planung oder Policy Design, müssen oft komplexe Zusammenhänge verständlich machen – nicht bis ins letzte Detail abbilden. Dies führt zu einem grundlegenden Zielkonflikt:
Wie genau darf ein Modell sein, bevor es zu unverständlich wird – und wie ungenau darf es sein, um noch als relevant zu gelten?

Kernthemen der Diskussion

In der anschließenden offenen Gesprächsrunde wurden zahlreiche Aspekte aufgegriffen – aus methodischer, praktischer und erkenntnistheoretischer Sicht:

  • 🔄 Zielkonflikte: Modelle müssen für Entscheidungen relevant sein, aber auch nachvollziehbar bleiben. Zu viel Präzision kann abschrecken.
  • 🧠 Lernen statt Vorhersagen: Simulationen entfalten ihren größten Wert, wenn sie Verständnis fördern, nicht wenn sie exakte Prognosen liefern.
  • 👥 Beteiligung und Akzeptanz: Modellnutzung hängt stark davon ab, ob Stakeholder im Erstellungsprozess einbezogen wurden.
  • 🧩 Komplexitätsreduktion: Modelle sind immer Vereinfachungen. Die Kunst liegt darin, das Relevante zu erfassen und das Irritierende wegzulassen.
  • 🧾 Validität neu denken: Ein Modell kann auch dann nützlich sein, wenn es nicht vollständig datengestützt ist – solange es plausibel, transparent und anschlussfähig ist.

Warum dieses Gespräch wertvoll war

Die GWS versteht das SynergyLab als Denkraum: Hier treffen Menschen zusammen, die systemisches Denken nicht nur anwenden, sondern auch hinterfragen und weiterentwickeln wollen. Diese Veranstaltung zeigte eindrucksvoll:

  • wie stark Theorie und Praxis voneinander profitieren können,
  • wie produktiv das Ringen um Verständlichkeit und Wirkung ist,
  • und wie wichtig es ist, gemeinsam mit Unsicherheiten umzugehen, statt sie zu verstecken.

Interesse geweckt?

Das Thema bleibt aktuell – in der Wissenschaft, in der digitalen Transformation und in der Gestaltung von Organisationen und Politik.
📧 Kontakt: office@gws-kybernetik.org
🔗 Weitere Veranstaltungen unter: gws-kybernetik.org und synergylab.space

Carola Roll

Komplexität am Beispiel Kennzahlensysteme im Sondermaschinenbau

Komplexität – was ist das?

Der Begriff Komplexität verkommt im Businesskontext immer mehr zu einem Buzzword. Aber was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff, der sich deutlich von der umgangssprachlich oft synonym verwendeten Kompliziertheit abgrenzt? Und noch viel wichtiger: wie sieht ein erfolgreicher Umgang mit Komplexität aus?

Die Wurzeln des Begriffs finden sich im Lateinischen: “complexus” bedeutet “miteinander verflochten”.

Der Begriff Komplexität selbst hat seit den 1970er Jahren Eingang in die Umgangssprache gefunden und wird dort seither sehr undifferenziert verwendet. Es gibt unterschiedliche Ansätze und Auffassungen von Komplexität. Dies spiegelt wider, dass Komplexität subjektiv ist und vom Kontext, den Akteuren und den Beobachtern abhängt.

Hans Ulrich (1988, 2001), ehemaliger Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen, drückt sein Verständnis von Komplexität wie folgt aus: Komplexität ist die Fähigkeit eines Systems, in kurzen Zeiträumen eine große Anzahl verschiedener Zustände anzunehmen. Maschinen sind „triviale“ Systeme, deren Verhalten vorbestimmt und vorhersehbar ist. Ökologische und soziale Systeme sind komplexe, „nicht-triviale“ Systeme, deren Verhalten zu bestimmten Zeitpunkten nicht vorhersehbar ist.

Als Faustregel bedeutet Komplexität, dass ein System viele Elemente, Beziehungen und Zustände aufweist, die sich im Laufe der Zeit verändern. Diese Veränderungsmöglichkeit wird über die Varietät erfasst. Varietät ist laut Stafford Beer (1985) eine Maßzahl für Komplexität, da diese die Anzahl der möglichen Zustände eines Systems widerspiegelt.

Auch das Cynefin-Modell ist ein populärer Ansatz zur Darstellung von Komplexität im Systemkontext. Es stammt von Dave Snowden (2007), einem Unternehmensberater und Forscher aus Wales. Das Modell differenziert zwischen den vier Ausprägungen einfach, kompliziert, komplex und chaotisch (Snowden & Boone, 2007).

Diese wenigen, exemplarischen Definitionen verdeutlichen, dass der Umgang mit Komplexität kein einfaches Unterfangen ist. Jedoch kann in Annäherung an Ashby´s Law of Requisite Variety festgestellt werden, dass, je komplexer eine Situation ist, desto mehr Personen, Disziplinen und Methoden erforderlich sind, um erfolgreich mit eben dieser Situation umzugehen.

Wofür nutzt es?

Um herauszufinden, wie im Unternehmen erfolgreich mit Komplexität umgegangen werden kann, empfiehlt sich die Nutzung des Viable System Models (VSM) nach Stafford Beer. Dieses Modell orientiert sich an Informationsstrukturen, wie sie in der Natur durch Evolution geschaffen wurden. Dies stellt beispielsweise Fredmund Malik mit folgender Aussage heraus: „Komplexität zu meistern und dadurch die Logik der Evolution als Vorteil auf seiner Seite zu haben, macht das Management von und in komplexen Systemen beinahe zum Vergnügen“ (Hetzler, 2010).

In der praktischen, industriellen Anwendung bedeutet erfolgreicher Umgang mit Komplexität effektives Projektmanagement, Troubleshooting und meist auch Kosteneffizienz. Letztere wird aufgrund der Globalisierung und zunehmenden weltweiten Vernetzung sukzessiv immer wichtiger wird, um die Wettbewerbsfähigkeit weiterhin zu gewährleisten.

Welche praktischen Anwendungen gibt es?

Die komplexen Anforderungen im Unternehmen erlebe ich täglich bei meiner Tätigkeit im Sondermaschinenbau. Dazu gehören zum einen die kontinuierliche Verbesserung von Maschinen und Anlagen – und zum anderen die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten von Menschen und Prozessen. Beides muss aufeinander abgestimmt und bei gleichzeitig wirtschaftlicher, wettbewerbsfähiger Preisgestaltung gemanagt werden. Dies erfordert eine aufwandsgerechte Ressourcenallokation, aber es muss auch der Ist-Zustand mit Entwicklungs- und Verbesserungspotenzialen aufgezeigt werden. Um hierzu eine rationale Bewertungsgrundlage zu definieren, wurde bei uns im Unternehmen eine Abstufung in drei Komplexitätsstufen anhand von insgesamt zehn Kriterien entwickelt. Zu diesen Kriterien zählen:

  • Kosten,
  • Termine,
  • Risiko,
  • Genauigkeitsgrad,
  • Messung,
  • erforderliche Qualifikationen,
  • Projektmanagement,
  • Dokumentation,
  • Abwicklung,
  • Zertifizierungen.

Die Kriterien werden in drei aufeinander aufbauende Komplexitätsstufen (Stufen 1-3) mit Hilfe jeweils untergeordneter Kennzahlensysteme differenziert, wie die Abbildung zeigt:

Die Zuordnung zur jeweiligen Teilkomplexitätsstufe (farbig markiert) ergibt sich aus den Werten, die bei der Berechnung bzw. Auswertung der zugeordneten Kennzahlen erzielt werden. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass einzelne Kennzahlen sowie Kriterien aufgrund ihrer Gewichtung die Summe der übrigen Kriterien übersteuern können. Die Anwendung der Komplexitätsstufen erlaubt somit sowohl die genaue Betrachtung und Bewertung eines Projekts im Kontext des risikobasierten Ansatzes des Qualitätsmanagements als auch die Möglichkeit zur Positionierung des Unternehmens in einem zukunftsfähigen und – hinsichtlich des Wachstums – vielversprechenden Marktbereich.

Wo gibt es weiterführende Informationen zu dem obigen Text?

  • Ashby, R. W. (1985). Einführung in die Kybernetik (2. Auflage ed.). Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Beer, S. (1985). Diagnosing the System for Organizations. Chichester: John Wiley & Sons.
  • Hetzler, S. (2010). Real-Time Control für das Meistern von Komplexität. Frankfurt am Main: Campus VerlagGmbH.
  • Frahm, M. und Roll, C. (2022). Designing Intelligent Construction Projects. Chichester: John Wiley & Sons.
  • Snowden, D. und Boone, M. (2007). A leader’s framework for decision making. https://hbr.org/2007/11/a-leaders-framework-for-decision-making

Ein Austausch zum Thema ist möglich mit:

Frau Carola Roll, Strategie- und Nachhaltigkeits-Managerin
bei JELBA Werkzeug- u. Maschinenbau GmbH & Co. KG

Das Profil von Frau Roll finden Sie hier.

Sven-Volker Rehm

Laws of Form-Analyse digitalisierter Arbeitswelten

Die als Schlüsselwerk der Kybernetik bekannt gewordenen Laws of Form von George Spencer-Brown (1969) lassen sich zur Analyse moderner digitaler Infrastrukturen in unserem Arbeitskontext nutzen, um neue Methoden und Theorien zu entwickeln. Dies ist einer der Beiträge des Artikels, der im Februar 2022 im Journal Information and Organization (Elsevier) erschienen ist. Ein Ko-Autor ist GWS-Mitglied Sven-V. Rehm.

Die fortschreitende Digitalisierung hat unser Verständnis von Technologie als einzelne Geräte, Datenbanken oder Anwendungssoftware verändert – wir nehmen diese heute wahr als sich dynamisch verändernde Umgebungen, also Cloud, Metaverse, IoT, KI, eingebettete Systeme usw., in denen vielfältige Nutzungsarten und informationstechnische Prozesse miteinander verflochten sind. Diese in der wissenschaftlichen Literatur als sociomaterial bezeichneten Verflechtungen bestimmen den Erfolg unserer digitalisierten Arbeitswelten (DAW). DAW sind heute viel zu komplex geworden, um sie so zu definieren, wie wir es in der Vergangenheit mit “IT-Artefakten” getan haben. Für die Forschung macht diese Entwicklung das Studium von DAW zunehmend schwieriger und erfordert die Weiterentwicklung von Methoden, mithilfe derer sich die Dynamik der DAW besser beobachten und konzeptualisieren lässt.

In einem vor Kurzem von GWS-Mitglied Sven-V. Rehm mit verfassten Artikel verwenden die Autoren den mathematisch-logischen Formalismus der Laws of Form (LoF) (Spencer-Brown, 1969) für die Analyse sechs illustrativer Studien. Dort wird untersucht, wie jeweils soziale und materielle Aspekte konzeptualisiert werden, um zu unterschiedlichen Perspektiven auf DAW zu gelangen. Die Analyse zeigt drei Archetypen der Beobachtung und Konzeptualisierung auf, die eine Diskussion darüber anregen, wie die Forschung zu neuen Informationssystemen neue qualitative Methoden entwickeln kann.

Der Artikel bietet zum einen neue Einblicke in das aktuelle Verständnis von DAW und Erklärungen zu Schlüsselkonzepten. Zum anderen werden die Laws of Form – als eines der Schlüsselwerke u.a. im Hinblick auf das Konzept der Beobachtung – als prä-ontologischer und prä-theoretischer Formalismus vorgestellt, der die Kommensurabilität von Methoden und die Entwicklung neuer qualitativer empirischer Methoden ermöglicht. Dabei wird aufgezeigt, wie der Formalismus hilft, Unterscheidungen bezüglich des Untersuchungsgegenstandes zu artikulieren und zu verfeinern – und die Argumentation anderer Forscher/-innen kritisch zu untersuchen und zu rekonstruieren.

Der Beitrag kann hier gelesen werden.

Reference: Rehm S-V, Goel L, Junglas I (2022) Researching digitalized work arrangements: A Laws of Form perspective. Information and Organization:100391. DOI: 10.1016/j.infoandorg.2022.100391 .

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