Rückblick auf das 8. SynergyLab vom 28. Januar 2026
Am 28. Januar 2026 fand das jüngste SynergyLab der GWS e.V. statt. Als Referent war Prof. Dr. Peter Trawny zu Gast, der in einem einführenden Vortrag das Werk Hermann Schmidts vorstellte – einer heute wenig bekannten, aber zentralen Figur der frühen Kybernetik in Deutschland. Insgesamt nahmen 25 Mitglieder und Gäste aus Wissenschaft und Praxis an der Online-Veranstaltung teil.
Von der Regelungstechnik zur Philosophie
Im Zentrum des Vortrags stand Schmidts intellektuelle Entwicklung: Ausgehend von ingenieurwissenschaftlichen Fragen der Regelungstechnik entwickelte Schmidt bereits ab den 1940er-Jahren einen erweiterten Begriff von Steuerung und Ordnung, der technische, gesellschaftliche und philosophische Dimensionen miteinander verband. Kybernetik erschien bei ihm nicht nur als technische Disziplin, sondern als umfassender Denkrahmen zur Beschreibung komplexer Systeme.
Prof. Trawny ordnete Schmidts Arbeiten historisch in die Diskussionen der 1950er- und 1960er-Jahre ein und zeigte, wie eng Schmidts Denken mit zeitgenössischen philosophischen Technikdebatten verknüpft war. Dabei wurde deutlich, dass Schmidt früh versuchte, technische Rationalität mit grundsätzlichen Fragen nach Sinn, Grenze und Verantwortung von Steuerung zu verbinden.
Zentrale Fragen der Diskussion
An den Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion an, in der mehrere Themenstränge vertieft wurden. Ein wiederkehrender Punkt war das Spannungsverhältnis zwischen technischer Steuerbarkeit und gesellschaftlicher Offenheit. Diskutiert wurde, ob kybernetisches Denken eher zur Technokratisierung gesellschaftlicher Prozesse beiträgt – oder ob es im Gegenteil hilft, die Grenzen von Kontrolle und Planung sichtbar zu machen.
Ein weiterer Fokus lag auf dem Vergleich verschiedener kybernetischer Traditionen. Während angloamerikanische Ansätze häufig stärker formal und mathematisch ausgerichtet waren, wurde Schmidts Werk als besonders anschlussfähig an philosophische und kulturtheoretische Fragestellungen beschrieben. Diese besondere Position machte ihn für viele Teilnehmende zu einer spannenden Brückenfigur zwischen Ingenieurwissenschaft und Philosophie.
Aktualität kybernetischen Denkens
Mehrere Wortmeldungen stellten Bezüge zu aktuellen Entwicklungen her, etwa zu digitalen Plattformen, algorithmischen Entscheidungssystemen oder KI-gestützten Steuerungsmechanismen. Schmidts Überlegungen zur Regelung komplexer Systeme wurden dabei als erstaunlich vorausschauend wahrgenommen. Gerade vor dem Hintergrund heutiger Debatten um Automatisierung und künstliche Intelligenz zeigte sich, dass viele grundlegende Fragen bereits in der frühen Kybernetik angelegt waren.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass kybernetisches Denken heute oft nur implizit präsent ist. Begriffe wie Feedback, Selbstorganisation oder Systemstabilität werden selbstverständlich genutzt, ohne ihre theoretischen Ursprünge explizit zu reflektieren. Das SynergyLab machte sichtbar, welches Potenzial in einer bewussten Wiederaneignung dieser Tradition liegt.
Fazit
Das SynergyLab mit Prof. Peter Trawny zeigte, dass Hermann Schmidt weit mehr ist als eine historische Randfigur der Kybernetik. Sein Werk eröffnet Perspektiven auf Technik, Steuerung und Gesellschaft, die auch heute noch hoch relevant sind. Der Abend machte zugleich deutlich, dass kybernetisches Denken als reflexive Theorie komplexer Systeme neue Impulse für aktuelle Diskurse liefern kann – jenseits rein technischer Lösungslogiken.
Die GWS dankt Prof. Trawny herzlich für den anregenden Vortrag und allen Teilnehmenden für die intensive Diskussion. Weitere SynergyLabs sind bereits in Planung.
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