Am 20. Mai 2026 fand das 9. Online-Gespräch im Rahmen des SynergyLab – Forum für intelligente Organisation der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialkybernetik e.V. statt. Mit 20 Teilnehmenden erreichte das Format wieder eine schöne Resonanz. Im Mittelpunkt stand der Vortrag von Dr. Werner Boysen zum Thema:
„Momente für kybernetische Überlegungen bei der Sanierung eines mittelständischen Automobilzulieferers“
Dr. Boysen stellte anhand eines konkreten Sanierungsprojekts bei der Carl Stahl Technical Webbings GmbH, einem Hersteller von Automotive-Sicherheitsgurtband mit Sitz in Herbrechtingen auf der Schwäbischen Alb, dar, wie kybernetisches und systemisches Denken in der Unternehmenspraxis wirksam werden kann. Das Unternehmen hatte er in den Jahren 2024/2025 in einem Restrukturierungs- und Transformationsprozess begleitet.
Kybernetik als praktische Führungs- und Denkdisziplin
Ein zentrales Anliegen des Vortrags war es, die verbreitete Annahme zu hinterfragen, Kybernetik sei vor allem eine abstrakte Wissenschaft ohne unmittelbaren Praxisbezug. Gerade in Restrukturierungs- und Transformationsprozessen, so wurde im Vortrag deutlich, zeigt sich der praktische Wert kybernetischer Perspektiven besonders klar: Viele Aktivitäten laufen parallel, bedingen sich gegenseitig, erzeugen Rückkopplungen und entfalten ihre Wirkungen oft zeitverzögert.
Dr. Boysen verdeutlichte, dass Unternehmenskrisen selten auf einzelne Ursachen zurückzuführen sind. Vielmehr entstehen sie häufig aus einem komplexen Zusammenspiel von Marktbedingungen, Eigentümerstrukturen, Finanzierungsfragen, Führungsverhalten, Kundenabhängigkeiten und organisationalen Routinen. Aus kybernetischer Sicht geht es daher nicht nur darum, einzelne Symptome zu behandeln, sondern die zugrunde liegenden Wirkungszusammenhänge zu erkennen.
Krisen als systemische Verflechtung
Im vorgestellten Fall wurde sichtbar, wie sich verschiedene Dynamiken gegenseitig verstärkten. Dazu gehörten unter anderem eine starke Abhängigkeit von einem Hauptkunden, eingeschränkte strategische Handlungsspielräume, eine blockierte Eigentümerstruktur sowie operative und finanzielle Belastungen. Diese Elemente wirkten nicht isoliert, sondern stabilisierten gemeinsam eine kritische Gesamtsituation.
Besonders anschaulich wurde, dass Organisationen in Krisen nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kommunikativ und entscheidungsbezogen unter Druck geraten. Wenn Rückkopplungen fehlen, wenn strategischer Diskurs abbricht oder wenn Verantwortung zu stark zentralisiert wird, verliert eine Organisation zunehmend ihre Fähigkeit, sich selbst wirksam zu beobachten und anzupassen.
Feedback, Verantwortung und Handlungsspielräume
Ein wiederkehrendes Thema des Vortrags war die Bedeutung von Feedback. Stabilität entsteht in komplexen Organisationen nicht allein durch Kontrolle, Vorgaben oder Reporting, sondern durch lernfähige Rückkopplungsprozesse. Entscheidungen müssen auf ihre Wirkungen im Gesamtsystem hin beobachtet und angepasst werden können.
Damit verbunden war die Frage nach Verantwortung und Selbstorganisation. Dr. Boysen zeigte, dass in einer Sanierung nicht alles zentral gesteuert werden kann. Gerade wenn Führung zeitlich begrenzt, interimistisch oder unter hohem Druck erfolgt, müssen operative Verantwortung, Problemlösungskompetenz und Aufmerksamkeit für das Ganze breiter in der Organisation verteilt werden. Kybernetisch betrachtet entsteht Handlungsfähigkeit dort, wo relevante Informationen wahrgenommen, geteilt und in abgestimmtes Handeln übersetzt werden können.
Möglichkeiten erweitern statt nur Schäden begrenzen
Ein besonders prägnanter Gedanke des Vortrags war die Bezugnahme auf Heinz von Foersters Prinzip, so zu handeln, dass sich die Anzahl der Möglichkeiten erhöht. In einer Unternehmenskrise liegt der Fokus häufig auf Stabilisierung, Liquiditätssicherung und Risikobegrenzung. Der Vortrag zeigte jedoch, dass nachhaltige Sanierung auch bedeutet, neue Zukunftsoptionen aktiv zu erzeugen.
Im dargestellten Fall geschah dies unter anderem durch die Öffnung neuer Markt- und Kundenperspektiven. Damit wurde deutlich: Resilienz entsteht nicht nur durch Absicherung, sondern auch durch die Fähigkeit, neue Beziehungen, neue Sichtbarkeiten und neue Handlungsmöglichkeiten hervorzubringen.
Diskussion im SynergyLab
In der anschließenden Diskussion wurde die praktische Relevanz kybernetischer Ansätze von den Teilnehmenden breit aufgegriffen. Besonders hervorgehoben wurde, dass kybernetisches Denken in der Unternehmenspraxis häufig bereits wirksam ist, auch wenn es nicht ausdrücklich so bezeichnet wird. Begriffe wie Rückkopplung, Varietät, Abhängigkeit, Selbstorganisation, strategischer Diskurs und Resilienz erwiesen sich als hilfreiche Konzepte, um komplexe Transformationsprozesse besser zu verstehen.
Der Austausch machte zudem deutlich, dass Kybernetik für moderne Führungsfragen hochaktuell bleibt. In dynamischen Umwelten, unter Unsicherheit und bei hoher Stakeholder-Komplexität reicht lineares Planungs- und Steuerungsdenken nicht aus. Organisationen müssen vielmehr lernen, Wechselwirkungen zu erkennen, Rückmeldungen aufzunehmen, verschiedene Interessen zu moderieren und ihre eigenen Handlungsspielräume fortlaufend zu erweitern.
Fazit
Der Vortrag von Dr. Werner Boysen zeigte eindrucksvoll, dass Kybernetik keine theoretische Randdisziplin ist, sondern einen konkreten Orientierungsrahmen für Führung, Transformation und Unternehmenssanierung bieten kann. Gerade in Krisensituationen wird sichtbar, wie wichtig es ist, Organisationen als lebende soziale Systeme zu verstehen, die auf Rückkopplung, Anpassungsfähigkeit und koordinierte Verantwortung angewiesen sind.
Die GWS dankt Dr. Werner Boysen herzlich für den offenen und praxisnahen Einblick sowie allen Teilnehmenden für die engagierte Diskussion. Der Abend hat erneut gezeigt, welches Potenzial im SynergyLab liegt: wissenschaftliche Konzepte, praktische Erfahrungen und gemeinsame Reflexion miteinander ins Gespräch zu bringen.
Das nächste SynergyLab wird am 17. Juni 2026 stattfinden. Weitere Informationen dazu finden Sie auf dieser Website.

