Frederic Vester – 100 Jahre vernetztes Denken
Im Jahr 2025/2026 erinnerte die Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialkybernetik (GWS e.V.) an den 100. Geburtstag von Frederic Vester (1925–2003) – einem der prägenden Vordenker des systemischen Denkens im deutschsprachigen Raum.
Vester hat den Begriff des „vernetzten Denkens“ maßgeblich geprägt und wie kaum ein anderer dazu beigetragen, komplexe Zusammenhänge für eine breitere Öffentlichkeit verständlich zu machen. Seine Arbeiten verbanden Erkenntnisse aus Biologie, Kybernetik und Ökologie zu einem ganzheitlichen Verständnis dynamischer Systeme. Dabei ging es ihm nicht nur um Analyse, sondern stets auch um Verantwortung, Gestaltung und Handlungsfähigkeit in komplexen Kontexten.
Mit dem Sensitivitätsmodell entwickelte Vester einen Ansatz, der bis heute in unterschiedlichen Anwendungsfeldern eingesetzt wird – von Umwelt- und Nachhaltigkeitsfragen bis hin zu organisationalen und gesellschaftlichen Problemstellungen. Charakteristisch für seinen Zugang ist die Verbindung von systemischer Strukturierung, partizipativer Modellbildung und reflektierter Entscheidungsfindung.
Die GWS nahm das Jubiläum zum Anlass, Vesters Werk nicht nur zu würdigen, sondern es im Dialog mit aktuellen Entwicklungen in Wissenschaft und Praxis weiterzudenken und kritisch einzuordnen.
Veranstaltungen im Jubiläumsjahr
Im Rahmen des Jubiläumsjahres veranstaltete die GWS mehrere Formate, die unterschiedliche Perspektiven auf Vesters Denken eröffneten – von kleineren Diskussionsformaten bis hin zu größeren Online-Events.
🔹 SynergyLab 4 – 23. Juli 2025
“Wirkungsgefüge, Einflussmatrix und Schlüsselvariablen“
Impuls: Prof. Dr. Falko Wilms
Das 4. SynergyLab widmete sich den methodischen Grundlagen von Vesters Ansatz. Im Zentrum standen das Wirkungsgefüge, die Einflussmatrix sowie die Identifikation von Schlüsselvariablen.
Die Diskussion zeigte insbesondere:
- dass Vesters Ansatz weit über eine reine Visualisierung hinausgeht und eine strukturierte Analyse von Wechselwirkungen ermöglicht,
- dass viele heutige „Systemtools“ zwar Begriffe übernehmen, aber nicht die methodische Tiefe und Reflexivität erreichen,
- und dass systemisches Denken bei Vester immer auch mit Gestaltungsverantwortung und Wirkungsethik verbunden ist.
🔹 SynergyLab 6 – 29. Oktober 2025
“Zwei Wege zur Systemanalyse: Vester und System Dynamics“
Impuls: Prof. Dr. Andreas Größler
Das 6. SynergyLab stellte Vesters Ansatz in den Kontext der System Dynamics nach Jay W. Forrester und diskutierte Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
Zentrale Einsichten waren:
- beide Ansätze teilen die Idee zirkulärer Kausalität, unterscheiden sich jedoch im Formalisierungsgrad,
- Vesters Ansatz betont qualitative, partizipative und kommunikative Aspekte, während System Dynamics stärker auf quantitative Simulation setzt,
- und eine Kombination beider Perspektiven könnte helfen, analytische Tiefe und kommunikative Anschlussfähigkeit zu verbinden.
🔹 Online-Event – 28. November 2025
“100 Jahre Frederic Vester – Denken in vernetzten Wirkungsgefügen: Relevanz einer Biokybernetik für das 21. Jahrhundert”
Das erste große Online-Event im Rahmen des Jubiläumsjahres mit rund 20 Teilnehmenden widmete sich dem Werk und der Wirkung Frederic Vesters sowie seiner Bedeutung für aktuelle Herausforderungen.
Im Mittelpunkt standen:
- eine Einführung in zentrale Konzepte des vernetzten Denkens,
- die Einordnung von Vesters Ansatz im Kontext systemischer Methoden,
- sowie erste Perspektiven auf seine heutige Relevanz in Wissenschaft und Praxis.
Die Veranstaltung legte damit die Grundlage für die vertiefenden Diskussionen im weiteren Verlauf des Jubiläumsjahres.
👉 zum Event // Rückblick im Blog
🔹 Online-Event – 20. März 2026
“Frederic Vester heute – Sensitivitätsmodell, Anwendungspraxis und systemische Perspektiven im Dialog“
Das zentrale Online-Event im Jubiläumsjahr brachte 32 Teilnehmende aus Wissenschaft und Praxis zusammen.
Im Mittelpunkt standen:
- eine Keynote von Gabriele Harrer-Puchner zur Anwendung des Sensitivitätsmodells,
- eine Diskussion zur heutigen Rolle von Vesters Ansatz,
- sowie Impulse zur Weiterentwicklung im Zusammenspiel mit aktuellen systemischen Methoden.
Die Diskussion machte deutlich, dass das Sensitivitätsmodell heute vor allem als offene Denk- und Arbeitsweise zu verstehen ist, die ihre Stärke in der Verbindung von Analyse, Kommunikation und kollektiver Reflexion entfaltet.
👉 zum Event // Rückblick im Blog // Kurzbericht
Zentrale Erkenntnisse des Jubiläumsjahres
Über die verschiedenen Formate hinweg kristallisierten sich mehrere gemeinsame Einsichten heraus:
- Vesters Ansatz ist weniger ein „Werkzeugkasten“ als eine systemische Denkhaltung, die auf Verständigung und Reflexion zielt.
- Die Stärke seiner Methoden liegt in der Sichtbarmachung von Zusammenhängen und der Unterstützung kollektiver Lernprozesse.
- Gleichzeitig besteht ein Bedarf, Vesters Konzepte mit heutigen Ansätzen – insbesondere Simulation, System Dynamics und datenbasierte Modelle – weiterzuentwickeln.
- Systemisches Denken wird zunehmend als Vermittlungsleistung zwischen Disziplinen, Praxisfeldern und Perspektiven verstanden.
Damit zeigt sich: Vesters Beitrag liegt nicht nur in konkreten Methoden, sondern vor allem in der Etablierung eines Denkens in Zusammenhängen, das heute aktueller ist denn je.
Ausblick
Die Auseinandersetzung mit kybernetischem und systemischem Denken wird über das Jubiläumsjahr hinaus fortgeführt.
Ein nächster Höhepunkt ist bereits geplant:
👉 24. September 2026 | Universität Stuttgart
Symposium anlässlich des 100. Geburtstages von Stafford Beer, einem der zentralen Vertreter der Management-Kybernetik.
Weiterführende Informationen
Über weitere Veranstaltungen und Entwicklungen rund um systemisches Denken und Kybernetik halten wir Sie hier auf dem Laufenden.
Bildnachweis: Attribution: Universitätsarchiv St.Gallen | Regina Kühne | HSGN 028/00546 | CC-BY-SA 4.0, vgl. Wikipedia