Von Management-Kybernetik und Viabilität bis zu KI, hybriden Organisationen und gesellschaftlicher Resilienz
Wie aktuell ist Stafford Beer einhundert Jahre nach seiner Geburt? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Jubiläums-Symposiums „100 Jahre Stafford Beer – Gestaltung, Governance und Dynamik in komplexen Organisationen“, das die Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialkybernetik (GWS) e.V. gemeinsam mit der Universität Stuttgart am 24. September 2026 veranstaltete.
Rund 20 Teilnehmende aus Wissenschaft und Praxis kamen zusammen, um Beers Werk nicht nur historisch zu würdigen, sondern danach zu fragen, was seine Management-Kybernetik heute für die Gestaltung von Organisationen leisten kann. Drei Keynotes und vier Kurzimpulse spannten einen weiten Bogen: von persönlichen Erinnerungen an Stafford Beer über drei Jahrzehnte praktischer Arbeit mit dem Viable System Model (VSM) bis hin zu neuen Fragestellungen rund um Künstliche Intelligenz und hybride Managementsysteme.
Gerade der überschaubare Kreis erwies sich dabei als Stärke. Die Diskussionen beschränkten sich nicht auf die vorgesehenen Programmpunkte. Bereits in den Pausen entstanden intensive Gespräche zwischen Referierenden und Teilnehmenden; am Nachmittag mündete dies in eine offene gemeinsame Abschlussdiskussion, an der sich praktisch alle Beteiligten einbrachten.
Stafford Beer als lebendige Tradition
Den Auftakt machte Prof. em. Dr. Markus Schwaninger mit einer biografischen und fachlichen Einordnung Stafford Beers. Besonders eindrücklich war dabei die persönliche Perspektive: Schwaninger konnte aus eigener Begegnung mit Beer berichten und davon, wie dieser seine damals neuartigen Ideen vermittelte und Menschen für kybernetisches Denken begeisterte. Zur Sprache kamen auch Beers spätere Lebensjahre und seine künstlerische Tätigkeit sowie die Verbindung zwischen seinem Denken und der St. Galler Management-Kybernetik.
Damit wurde bereits zu Beginn deutlich: Stafford Beer lässt sich kaum auf das Viable System Model reduzieren. Hinter dem Modell steht eine umfassendere Vorstellung davon, wie Organisationen mit Komplexität umgehen können – durch geeignete Rückkopplungen, differenzierte Autonomie, rekursive Strukturen und eine Organisation der notwendigen Varietät.
Schwaninger berichtete darüber hinaus von internationalen Aktivitäten rund um Beers 100. Geburtstag, die zeigen, dass die Auseinandersetzung mit seinem Werk weit über den deutschsprachigen Raum hinaus fortgeführt wird. Das Jubiläum ist damit weniger Endpunkt einer historischen Würdigung als Anlass für eine erneute Beschäftigung mit den Fragen, die Beer gestellt hat.
Vom Modell zur organisationalen Praxis
Diese Perspektive nahm Patrick Hoverstadt in seiner Keynote konsequent praktisch auf. Sein Beitrag beruhte auf rund drei Jahrzehnten Erfahrung mit Management-Kybernetik und dem VSM in Organisationsberatung und -gestaltung. Er zeigte, wie Beers Konzepte in der Praxis für Organisationsdiagnose, Design, Governance und Transformation genutzt und mit anderen systemischen Methoden verbunden werden können.
Dabei wurde ein zentraler Aspekt besonders sichtbar: Das VSM ist kein Organigramm und kein abstraktes Schema, das einer bestehenden Organisation lediglich übergestülpt wird. Sein Wert liegt vielmehr darin, Fragen nach Entscheidungsfähigkeit, Verantwortungsverteilung, Koordination und Anpassungsfähigkeit systematisch zu stellen. Hoverstadts Beispiele machten deutlich, dass Beers Konzepte gerade dann produktiv werden, wenn sie in eine für Führungskräfte und Mitarbeitende verständliche Gestaltungspraxis übersetzt werden.
Diese Verbindung von VSM und konkreter Organisationspraxis griff später auch Carola Ritzinger-Roll in ihrem Kurzimpuls auf. Am Beispiel eines mittelständischen Maschinenbauunternehmens zeigte sie, wie das VSM mit Lean- und Qualitätsmanagement verbunden werden kann. In einem Umfeld hoher Variantenvielfalt, regulatorischer Anforderungen und technologischer Dynamik dient das VSM dabei als übergeordneter Bezugsrahmen, während etablierte Managementinstrumente konkrete Rückkopplungs-, Lern- und Steuerungsfunktionen operationalisieren.
Gerade diese unterschiedlichen Beispiele unterstrichen eine gemeinsame Linie des Symposiums: Management-Kybernetik gewinnt ihren Wert nicht dadurch, dass Organisationen möglichst sichtbar „nach VSM“ aussehen. Entscheidend ist, ob kybernetische Prinzipien dazu beitragen, Organisationen tatsächlich lebens-, lern- und anpassungsfähiger zu machen.
Gesundheitswesen und KI: neue Anwendungsfelder für kybernetisches Denken
Einen weiteren Perspektivwechsel brachte die Keynote von Dr. Matvei Tobman. Als Mediziner, Chirurg und Risikomanager näherte er sich dem VSM aus der praktischen Erfahrung komplexer Gesundheitseinrichtungen.
Ausgangspunkt waren strukturelle und prozessuale Probleme in Krankenhäusern. Die von Beer verwendete Analogie zwischen Organisation und Nervensystem bot dabei einen anschaulichen Zugang, auch wenn die neurophysiologischen Vorstellungen aus heutiger Sicht weiterentwickelt worden sind. Entscheidender war die Frage, wie Krankenhausorganisationen als zusammenhängende Systeme analysiert werden können und wo typische Dysfunktionen ihre Lebensfähigkeit beeinträchtigen.
Von hier führte Tobman unmittelbar zur Künstlichen Intelligenz. Anstatt einzelne KI-Anwendungen isoliert einzuführen, schlug er vor, zunächst die systemischen Funktionen und Problemfelder der Organisation zu analysieren. So können beispielsweise Anwendungen für Dokumentation, Diagnostik, Logistik oder Patientensteuerung danach beurteilt werden, welche Funktion sie im Gesamtsystem tatsächlich unterstützen – und ob ihre Einführung möglicherweise neue Ungleichgewichte erzeugt.
Damit berührte sein Vortrag eine Frage, die an mehreren Stellen des Symposiums wiederkehrte: Soll Technologie bestehende Organisationsstrukturen lediglich effizienter machen – oder müssen wir zunächst fragen, welche Organisations- und Entscheidungsarchitektur überhaupt benötigt wird?
Managementarchitekturen für Menschen und intelligente Agenten
Genau an dieser Stelle setzte der Kurzimpuls von Prof. Dr. Christian Abegglen zu „Agentonomics“ an. Der Ansatz fragt nicht primär danach, welche Managementaufgaben durch KI automatisiert werden können. Ausgangspunkt ist vielmehr die Managementarchitektur selbst.
Wenn Menschen und intelligente Agenten künftig gemeinsam Managementleistungen erbringen, müssen Managementwissen, Rollen, Mandate, Entscheidungsrechte, Kontrollpunkte und Lernprozesse so expliziert werden, dass daraus eine gemeinsame Architektur entstehen kann.
Daraus folgt eine bemerkenswerte Umkehrung der heute häufig technikgetriebenen Diskussion: Nicht die jeweils verfügbare KI-Technologie sollte bestimmen, wie Management organisiert wird. Vielmehr sollte die Managementarchitektur festlegen, welche intelligenten Systeme mit welchen Rollen, Entscheidungsrechten und Governance-Strukturen sinnvoll eingesetzt werden.
Agentonomics knüpft hierfür an die systemorientierte St. Galler Managementtradition an und versteht Unternehmen als offene, komplexe und entwicklungsfähige Systeme. Das Ziel ist ausdrücklich nicht eine vollständige Automatisierung des Managements, sondern die Gestaltung hybrider Managementsysteme, in denen menschliche und maschinelle Fähigkeiten verantwortbar zusammenwirken.
In dieser Perspektive liegt eine interessante Verbindung zu Beer: Auch hier geht es letztlich darum, mit wachsender Varietät umgehen zu können und Entscheidungs-, Kommunikations- und Lernfähigkeit in komplexen Systemen zu organisieren.
Das VSM weiterdenken – und den Blick über die Organisation hinaus richten
Die weiteren Kurzimpulse erweiterten diese Diskussion.
Roman Lelekov fragte nach einem allgemeineren ontologischen Rahmen für das Viable System Model. Im Mittelpunkt standen unter anderem die Unterscheidung zwischen organisationalen Funktionen und ihrer konkreten Realisierung sowie die Frage, wie Rekursion und Viabilität unter unterschiedlichen Bedingungen konzeptionell gefasst werden können. Damit wurde das VSM selbst zum Gegenstand der Reflexion: nicht als abgeschlossenes Modell, sondern als Ausgangspunkt für weitere theoretische Klärung.
Dr. Peter Kinne weitete den Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge. In seinem Beitrag stellte er zur Diskussion, welchen Beitrag systemwissenschaftliches Denken und Organisationen zur gesellschaftlichen Resilienz und zu demokratischer Verständigung leisten könnten. Dabei hob er insbesondere Organisationen als Orte hervor, an denen Menschen Wissen, Erfahrungen, Werte und soziale Praktiken entwickeln und austauschen. Dies verband er mit der Frage, wie Organisationen selbst resilient und zukunftsfähig gestaltet werden können. Diese Perspektive war als Impuls für die Diskussion angelegt und verband organisationale Kybernetik mit weiterreichenden gesellschaftlichen Fragestellungen.
Von der Jubiläumsveranstaltung zum gemeinsamen Dialog
Für den Nachmittag war ursprünglich ein World Café vorgesehen. Der intensive Austausch im Verlauf des Tages führte jedoch dazu, dass darauf verzichtet und die verfügbare Zeit stattdessen für eine gemeinsame offene Abschlussdiskussion genutzt wurde.
Das erwies sich als passend für den Charakter der Veranstaltung. Keynote-Speaker, Impulsgeber und Teilnehmende brachten Erfahrungen, Fragen und zum Teil auch unterschiedliche Einschätzungen unmittelbar in das Gespräch ein. Die Diskussion setzte damit genau dort an, wo viele Beiträge des Tages zusammenliefen: bei der Frage, wie Organisationen unter Bedingungen zunehmender Komplexität entscheidungsfähig bleiben können – und welche Rolle kybernetisches Denken dabei heute noch spielen kann.
Eine abschließende Antwort gab es nicht – und vielleicht war gerade das angemessen. Das Symposium zeigte vielmehr, dass Stafford Beers Werk auch einhundert Jahre nach seiner Geburt ein produktiver Ausgangspunkt für sehr unterschiedliche Fragen bleibt: von Organisationsdesign und Governance über Gesundheitswesen und Industrie bis hin zu KI, hybriden Managementsystemen und gesellschaftlicher Resilienz.
Stafford Beer weiterzudenken bedeutet damit nicht, seine Modelle unverändert in die Gegenwart zu übertragen. Es bedeutet, seine grundlegenden Fragen nach Viabilität, Varietät, Autonomie, Koordination und Lernfähigkeit unter heutigen Bedingungen neu zu stellen.
Weitere Informationen zu den Vorträgen, Kurzimpulsen und Referierenden sowie Impressionen des Symposiums finden Sie auf der Archivseite der Veranstaltung. Ausgewählte Präsentationen können mit Zustimmung der jeweiligen Vortragenden auf Anfrage über die GWS zur Verfügung gestellt werden.

